Kein Knast für Nadja
von Redaktion
am 26.08.2010
um 17:18
'Und jetzt?' Hat sich Nadja das gefragt, als sie schluchzend der Begründung des Bewährungsurteils zuhörte - vorhin in Saal 3 des Amtsgerichts Darmstadt? Heute waren wieder alle Pressevertreter da - an den anderen Tagen nach Prozess-Eröffnung war es ruhiger - und auch die Zuschauerplätze waren restlos besetzt. Wir alle hörten um 13 Uhr das Urteil, mit dem seit gestern zu rechnen war, wie vom Staatsanwalt gefordert: Zwei Jahre auf Bewährung, 300 Stunden gemeinnützige Arbeit und ambulante psychologische Betreuung. "Typischer Promibonus" schimpft der Mann eben am Security-Check am Frankfurter Flughafen. "Und das soll gerecht sein?" fragt mich eine Frau in der Lounge. Und auch viele Mails, die bei uns eingehen, lassen vermuten, dass Volkes Stimme eine andere ist, als die des Richters und seiner Schöffen. Mehr auf der Seite des durch Nadja mit HIV infizierten Mannes. "Der hat schließlich lebenslänglich bekommen", hat jemand geschrieben. Die Aufregung ist verständlich und doch: Heute hat ein Gericht das Urteil gesprochen, und auch der Anwalt des Infizierten ist damit komplett einverstanden! Er erklärt noch einmal: "Hier geht es nicht um Gefängnis oder Geld". Wichtig war ihm und seinem Mandanten, dass Nadja versteht und bereut! Und dass sie nie wieder derart verantwortungslos handeln wird. Der Richter glaubt an ihre Einsicht. Er betont noch einmal ihren Satz aus dem Geständnis, dass sie mehr als fahrlässig gehandelt habe. Reue und Schuldgefühl haben sich auf das Strafmass augewirkt. Das hat mit Promibonus nichts zu tun. Aber er gesteht ihr auch ein, dass ihr öffentliches Leben als Star, der Druck nicht geoutet zu werden, eine Belastung für Nadja waren. Er sieht darin allerdings keine Entschuldigung für die Schwere der Tat. Und so wird Nadja heute verurteilt wegen einmal vollendeter und zweimal versuchter schwerer Körperverletzung!!! Während Nadja fast eine Stunde nonstop weint als der Richter spricht, weiß man nicht recht, was man denken soll... Der Druck fällt ab von ihr, sie bekommt die Chance auf einen Neuanfang - aber sie steht eben auch vor den Scherben ihres Lebens. Von heute an ist sie vorbestraft. Sie ist ohne Job. Sie ist pleite. Sie weiß noch nicht, wie es weitergeht. Sie wird für immer mit der Schuld leben müssen, für die sie sich vor Gericht entschuldigt hat. Sie weiß, sie darf sich keinen Fehler mehr erlauben, sonst wird die Bewährung ausgesetzt. Sie weiß, für den Rest ihres Lebens muss sie Verantwortung übernehmen. Sie weiß, ganz Deutschland kennt jetzt die intimsten Details ihres Lebens. Mit all dem muss sie zu leben lernen! Hätte sie doch nur immer auf Kondome bestanden. Sie, die doch selbst durch ungeschützten Sex infiziert wurde. Wird bei ihr und dem Nebenkläger eines Tages AIDS ausbrechen? Werden sie beide daran sterben müssen? Das alles mag ihr durch den Kopf gegangen sein, während die Tränen auf ihre schwarze Bluse tropfen... Ob sie nun Glück gehabt hat und ob das Urteil fair oder unfair ist - ich werde mir nicht anmaßen darüber zu entscheiden! Das Urteil ist gesprochen im Fall Nadja Benaissa und ich persönlich würde gerne mit ihr selbst in einem Interview darüber sprechen. Letzte Grüße aus Hessen, Miriam
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