Zwangsheirat: In den Sommerferien werden viele Mädchen verheiratet

Zwangsheirat: In den Sommerferien werden viele Mädchen verheiratet
© picture-alliance/ dpa, Boris Roessler

Immer mehr Fälle von Zwangsheirat in Großbritannien

In den Sommerferien gibt es besonders viele Berichte von meist minderjährigen Mädchen, die gegen ihren Willen verheiratet werden. Oft reisen sie in die Heimat, um an einer Familienfeier teilzunehmen, die in Wahrheit ihre eigene Hochzeit ist, von der sie nichts wissen.

Von Christiane Mitatselis

In Großbritannien hat das Innenministerium gerade explizit vor Zwangsheiraten in den Schulferien gewarnt. Junge Leute, die sich gefährdet sehen, wurden ermutigt, eine Beratungsstelle zu konsultieren. Lehrer, Ärzte und Flughafenangestellte sollen die Augen aufzuhalten. Die britische Hilfsorganisation Karma Nirvana gibt Jugendlichen sogar einen auf den ersten Blick ungewöhnlichen Trick mit auf den Weg: Sie sollen einen Löffel oder andere Metallgegenstände in der Kleidung verstecken, um auf jeden Fall an der Flughafenkontrolle aufzufallen. So haben Mädchen und Jungen, die befürchten zwangsverheiratet zu werden, eine Chance Angestellte des Flughafens auf ihre Situation aufmerksam zu machen.

Im vergangenen Jahr waren britische Behörden mit etwa 1.500 Fällen von Zwangsheirat befasst, allein 400 Meldungen gingen dabei zwischen Juni und August ein. Etwa die Hälfte der Betroffenen stammt aus Pakistan, ein Drittel war jünger als 17 Jahre.

Auch in Deutschland gibt es Zwangsheiraten, die Betroffenen stammen hier nach Angaben der Frauenrechts-Organisation ‚Terre des femmes‘ vorwiegend aus der Türkei. Danach folgen Serbien, Kosovo, Montenegro und der Irak. Wie viele es genau sind, ist nicht bekannt. Das Bundesfamilien-Ministerium verzeichnete im Jahr 2008 landesweit ungefähr 3.500 Beratungen, wobei Doppelmeldungen nicht ausgeschlossen werden. ‚Terre de femmes‘ geht davon aus, dass pro Jahr in Deutschland etwa 1.000 junge Menschen zur Heirat gezwungen werden. 97 Prozent sind weiblich, drei Prozent männlich.

An wen kann man sich im Falle einer Zwangsheirat wenden?

Oft verlaufen die Grenzen zwischen einer arrangierten Ehe und einer Zwangsheirat fließend. Eine arrangierte Ehe wird zwar von der Familie geplant, aber mit Zustimmung der Partner geschlossen – das heißt, die Beteiligten haben die Möglichkeit, ihr nicht zuzustimmen. Ist der soziale und seelische Druck aber groß, so wagt mancher Betroffene nicht, von seiner Freiheit, nein zu sagen, tatsächlich Gebrauch zu machen.

Gerade Frauen, deren Mütter sich den Ehemann auch schon nicht aussuchen durften, tendieren deshalb oft dazu, sich schweigend in ihr Schicksal zu fügen. Wer nicht mitmacht, dem drohten laut ‚Terres des Femmes‘ Sanktionen, die von Ächtung über Gewalt bis hin zu Mord reichen könnten.

Es sei besonders wichtig, dass das Umfeld der Betroffenen sensibilisiert für das Problem der Zwangsehe und im Zweifelsfall in der Lage sei, helfend einzuschreiten. Lehrer und Mitschüler sind in der Regel die einzigen Kontaktpersonen der potenziellen Opfer, die nicht zur Familie gehören. ‚Terre des Femmes‘ organisiert deshalb in diesem Jahr in Berlin Kurse für Lehrer aller Schultypen. Im vergangenen Jahr gab es in Hessen Schulungen für Pädagogen.

Den Betroffenen selbst empfehlen Hilfsorganisationen und auch Anwälte, die Opfer von Zwangsehen vertreten, nicht aus Scham zu schweigen, sondern sich Hilfe zu suchen. Zum Beispiel auch über die Internetseite zwangsheirat.de. Dort finden sie nicht nur eine Karte mit Beratungsstellen, sondern auch Erfahrungsberichte von zwangsverheirateten Mädchen. Schon die Bestätigung, dass ihnen ein Unrecht widerfährt, kann die Betroffenen ermutigen, sich nicht in ihr Schicksal zu fügen.

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