Zur Abtreibung nach Deutschland: Polnische Frauen suchen Hilfe in deutschen Kliniken

Zur Abtreibung nach Deutschland
Beim Gynäkologen Janusz Rudzinski suchen viele Polinnen Hilfe. © dpa, Patrick Pleul

Polnische Frauen reisen zur Abtreibung nach Deutschland

Es ist eine traurige Art von Tourismus. Verzweifelte Polinnen reisen zu tausenden nach Deutschland, um ungewollte Kinder abzutreiben. Die Gesetze im EU-Mitgliedsstaat Polen sind sehr restriktiv, Abtreibungen sind dort nur ausnahmsweise erlaubt. Ärzte fordern, dass eine Lösung für dieses Problem gefunden wird.

Von Christiane Mitatselis

Mehrere Zeitungen berichteten in diesen Tagen über den in Brandenburg tätigen polnischen Gynäkologen Janusz Rudzinski, bei dem Polinnen immer häufiger Hilfe suchen. Etwa 1000 Abtreibungen habe er im letzten Jahr vorgenommen, sagte Rudzinksi. Es müsse dringend eine Lösung für dieses Problem gefunden werden.

Die Gesetzgebung in Polen, einem Land, in dem die katholische Kirche sehr einflussreich ist, lässt Frauen keine Freiheit zur Selbstbestimmung. Abtreibungen sind dort verboten, es sei denn, die Frau wurde vergewaltigt, ihre Gesundheit ist stark gefährdet oder der Fötus missgebildet. Häufig erhalten aber selbst Frauen mit gravierenden gesundheitlichen Problemen keine Erlaubnis zum Abbruch. Zudem weigern sich viele Krankenhäuser aus moralischen Gründen, den Eingriff vorzunehmen. Immerhin lehnte das Parlament 2012 einen Gesetzesentwurf an, der Abbrüche auch bei Missbildung des Fötus verbieten sollte. Natürlich passiert in Polen genau das, was immer geschieht, wenn die Gesetze derart restriktiv sind. Frauen, die es sich leisten können, suchen in liberaleren Ländern Hilfe. Zudem blüht der schwarze Markt der hochgefährlichen, illegalen Abbrüche. Oft nehmen nicht einmal Ärzte, sondern irgendwelche Kurpfuscher die Eingriffe vor.

In Deutschland sah es ähnlich aus, bevor in den 70er Jahren der Paragraf 218 reformiert wurde, der Abtreibungen unter Strafe stellte und nur in Ausnahmen erlaubte. Frauen flüchteten nach Holland, wo Abtreibungen damals leichter möglich waren - oder trieben in Deutschland illegal ab. Heute gilt die so genannte Fristenlösung. Nach Beratung darf bis zur 12. Woche straffrei abgetrieben werden, bei medizinischen Indikationen auch darüber hinaus.

In Deutschland gehen die Zahlen der Abbrüche zurück

Glücklicherweise hat sich hierzulande die Überzeugung durchgesetzt, dass eine Frau selbst entscheiden darf, ob sie Mutter werden will oder nicht - und ob sie eine Abtreibung mit ihrem Weltbild vereinbaren kann. Es sind Dinge, die die Frauenbewegung erkämpft hat - und für die weiter gestritten wird. Unterdessen sinkt in Deutschland die Zahl der Abtreibungen. 2013 wurden 3,8 Prozent weniger Schwangerschaftsabbrüche gezählt als im Jahr zuvor.

In Spanien gehen gerade landesweit massenweise Menschen auf die Straße, um zu verhindern, dass die konservative, von der katholischen Kirche beeinflusste Regierung das Gesetz zum Schwangerschaftsabbruch auf den Stand von 1970 zurücksetzt und polnische Verhältnisse schafft. Bisher können Frauen dort bis zur 14. Woche frei über einen Abbruch entscheiden. Dennoch ist die Abtreibungsquote in Spanien eine der niedrigsten in der Europäischen Union.

Warum schafft die EU, die doch so gern vereinheitlicht, hier eigentlich keinen gesetzlichen Standard? Polen ist seit 2004 Mitglied. Es geht schließlich um das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung. Polen wurde schon dreimal vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte aufgefordert, Frauen legalen Zugang zu Abtreibungen zu gewährleisten.

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