ELTERN-KOLUMNE ELTERN-KOLUMNE

Zum ersten Mal allein mit dem Baby - und der Papa kommt ins Schwitzen

Sebastian Priggemeier, Priggemeier, Teambilder Frauenzimmer
Sebastian Priggemeier © Stefan Neumann Fotografie

Verdammt, wo bleibt das Milchkoma?!

Keine Ahnung, was mich da geritten hat. Übermut? Langeweile? Fieber? Ich weiß es nicht. „Wie wär’s, wenn du dir heute mal ein paar entspannte Stunden in der Stadt machst“, hatte ich meiner Verlobten Tini angeboten. „Shopping. Ganz in Ruhe, so wie früher.“ Und plötzlich saßen wir da. Das Baby und ich. Lene Luise – etwa 56 Zentimeter lang, 4.500 Gramm leicht und ab und zu echt laut. Eine tickende Schreibombe sozusagen. Von null auf 120 Dezibel in drei Sekunden. Sie schaut mich mit großen Augen an, ich schwitze. Unser erster Nachmittag zu zweit! Ein Protokoll.

Von Sebastian Priggemeier

12.48 Uhr: In gut zehn Minuten müsste Klein-Lene wieder Hunger bekommen. Und wenn sie Hunger hat, ist sie nicht sie selbst. Wie der Typ in der Schokoriegel-Werbung, nur schlimmer. Sie brüllt, fuchtelt mit den kurzen Ärmchen, läuft rot an, brabbelt wirres Zeug, sabbert. Großalarm. „Keine Panik“, sage ich mir. „Im Kühlschrank lagert deine Lebensversicherung: 90 Milliliter Muttermilch, frisch gezapft.“ Einfach aufwärmen, Fläschchen ansetzen, schon ist Ruhe im Karton. „Und überhaupt - DU bist hier der Boss.“ Der Papa. Seit drei Wochen bin ich jetzt das Familienoberhaupt. Zumindest auf dem Papier. Denn eines habe ich schon gelernt: Das Baby gibt vor, wo es lang geht. Punkt.

13.07 Uhr: Noch keine Anzeichen von Hunger. Wir sitzen auf dem Sofa, schauen eine Serie. Lene furzt entspannt vor sich hin. Hach, wunderbare Elternzeit!

13.08 Uhr: Die Stimmung kippt – ihre Mundwinkel zucken, sie kneift die Augen zusammen und grunzt wie ein Mini-Wildschwein. Wenn es gut läuft, bleiben mir noch 60 Sekunden bis zum ersten Schrei. Ui, ui. Problem: Die Milch ist noch im Kühlschrank. Anfängerfehler... Baby ablegen, rüber in die Küche, Wasser in den Topf, Fläschchen rein, Herdplatte an (Power, Power, Power!), und abwarten.

13.10 Uhr: Verzweifelte Schreie. Tränen. Schweißausbruch. Mein Gott, warum dauert das so lange mit der Milch? Test auf dem Handgelenk. Eiskalt, das Zeug. Plötzlich ein Moment der Erkenntnis: Ich reibe mir hier gerade die Muttermilch meiner Partnerin auf die Haut. Was soll`s! Zurück ins Wohnzimmer.

13.13 Uhr: Verdammt, das Wasser kocht! Neuer Handgelenk-Test: Heiß! Heiß! Viel zu heiß! Aua. Mist. Wütendes Gebrüll aus dem Nebenraum. Die Nachbarn denken wahrscheinlich, ich misshandle das Kind. Das Kind denkt, es müsse qualvoll verhungern.

Was ist eigentlich mit MEINEM Mittagessen?

13.18 Uhr: Milchtemperatur ok? Hoffentlich. Flasche im 45 Grad-Winkel zum Mund anlegen – und bitte! Lehrbuchmäßig, das Baby saugt. Gott sei Dank. Die Stille fühlt sich an wie ein Drogen-Kick. Herrlich. Mir wird warm ums Herz.

13.45 Uhr: Mir wird warm im Nacken. Das Bäuerchen, über das ich mich vorhin so gefreut habe, fließt feucht an meiner Wirbelsäule herunter. T-Shirt wechseln!

14.06 Uhr: Brrrrrr. Brrrrr. Brrr. Das Handy vibriert. Es ist bereits der zweite (Kontroll?)Anruf meiner Partnerin. Mit einer Hand das Smartphone in den Lautsprecher-Modus friemeln, mit der freien Hand das Kind halten. Ich: „Hallo?“ Sie: „Und, wie läuft’s?“ Ich: „Alles totaaal entspannt! Lass dir ruhig Zeit.“ Verdammt, was rede ich da? Das Baby ist hellwach und streckt mir im Sekundentakt die Zunge heraus – laut Baby-Literatur ein klares Zeichen für Hunger. Gibt’s doch nicht. Seit wann sind 90 Milliliter zu wenig? Wo bleibt das Milch-Koma? Und was ist eigentlich mit MEINEM Mittagessen?! Keine Zeit. Grrumpfff!

14.50 Uhr: Zur Entspannung ein bisschen Windeln wechseln. Muss auch mal sein. Die Babysitter-Basics habe ich mittlerweile drauf, Windeln tausche ich im Schlaf (das ist wortwörtlich gemeint - meistens zwischen zwei und vier Uhr nachts).

15.10 Uhr: Ich ertappe mich dabei, wie ich Lene durch den Flur trage, nur um durch den Türspion nach meiner Verlobten zu spähen. Vielleicht kommt sie ja doch früher nach Hause? Oh, bitte – reiß dich zusammen! Denke darüber nach, wie alleinerziehende Mütter das alles aushalten. Fazit: Keine Ahnung.

15.45 Uhr: Schlüsselklimpern an der Wohnungstür! Mutti ist wieder da! Eine imaginäre Last fällt von mir ab. Ich: „Und, wie war’s?“ „Echt toll. Ein Gefühl von Freiheit“, sagt sie und stellt die Einkaufstüten ab. Schon komisch. Genauso fühle ich mich auch. Erleichtert. Und gleichzeitig platt wie nach einer Trainingseinheit im Fitnessstudio. Jetzt könnte Papa mal eine warme Milch vertragen! Mit anschließendem Milch-Koma und allem drum und dran. Das volle Baby-Programm.

Anzeige