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Zu wenig Babys: Wie bekommen wir Deutschen wieder mehr Kinder?

Befristete Verträge Schuld an Kinderlosigkeit?

Elterngeld, kostenlose Kitas, ein garantierter Krippenplatz – im Vergleich zu der Zeit vor zehn Jahren haben es werdende Eltern heute eigentlich ziemlich gut in Deutschland. Trotzdem bleibt die Geburtenrate konstant niedrig, nur wenige Paare erfüllen sich tatsächlich ihren Kinderwunsch. Jetzt hat die Politik einen neuen Grund für diese Zurückhaltung entdeckt – Arbeitsplatzunsicherheit.

Befristete Arbeitsverträge wirken wie Antibabypille
Ist Jobunsicherheit Schuld an der niedrigen Geburtenrate? © picture alliance / Bildagentur-o

Von Merle Wuttke

"Befristete Jobs wirken wie die Anti-Baby-Pille", sagte denn auch Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) im Magazin Focus. Und weiter, dass die Politik es ernst nehmen müsse, dass immer mehr Paare trotz Kinderwunsch keinen Nachwuchs bekommen, weil ihnen die Unsicherheit im Job zu groß ist. Endlich, möchte man rufen, haben es auch die in Berlin kapiert, was man alltäglich bei Freunden und Bekannten erlebt. Durchschnittspaare plagen sich mit dieser Problematik schon seit Jahren. Schließlich macht es einen enormen Unterschied, ob man sich als Paar mit einem befristeten Job nach dem anderen durchs Leben hangelt (und so im Notfall auch mal kellnern gehen kann, falls die nächste Arbeitsstelle noch auf sich warten lässt) oder ob man zusätzlich Verantwortung für eine dritte Person, ein Baby, übernommen hat.

Das Risiko nach zwei Jahren plötzlich ohne Einkommen, aber mit einem Kind dazu stehen, möchten junge Frauen und Männer kaum eingehen. Ebensowenig Eltern, die sich zwar noch ein zweites Kind wünschen, aber nicht wissen, ob sie sich das überhaupt auf Dauer leisten können. Und trotz Anspruch auf Teilzeitarbeit, Betriebskindergärten usw. wissen wir doch alle, wie der Hase läuft, wenn sich der Chef entscheiden muss, ob er eine junge Mutter oder doch lieber eine Kinderlose einstellt.

Weniger Geburten aus Angst um die Existenz?

Aber sind nach Eltergeld und Kita-Ausbau Zeitverträge wirklich die nächste Baustelle, die es zu bewältigen gilt, um den Menschen die Angst vor dem Kinderkriegen zu nehmen? Viele Unternehmen scheinen jedenfalls bereits verstanden zu haben, dass junge Eltern sich hauptsächlich eben nicht durch Abwesenheit (wegen kranker Kinder) oder weniger Arbeitsstunden auszeichnen, sondern im Gegenteil – das haben Studien bewiesen – durch höheres Engagement, mehr Flexibilität, Effizienz und Loyalität. Dinge, die ein Unternehmen braucht, um erfolgreich zu bleiben und die durch langfristige Verträge belohnt werden sollten. Was die Konzerne im Moment auch tun – im Gegensatz zur Bundesregierung, denn ausgerechnet die beschäftigt mehr befristete Arbeitnehmer als die freie Wirtschaft (12 Prozent im Vergleich zu sieben Prozent). Manuela Schwesig sollte daher vielleicht erst mal mit den Kollegen in den eigenen Häusern aufräumen...

Bleibt aber dennoch die Frage, inwiefern man einer niedrigen Geburtenrate mit politischen Mitteln auf die Sprünge helfen kann. Ein Kind zu bekommen ist eine sehr private Entscheidung, und oft liegt es nicht nur an der finanziellen Existenzfrage, sondern vor allem an der Einstellung. In einer Gesellschaft wie unserer, in der Hunde beim Bäcker freundlicher begrüßt werden als ein Kleinkind, mangelt es Paaren mit Kinderwunsch nämlich vielleicht nicht an Geld, guten Jobs oder Krippenplätzen sondern vielmehr an dem Gefühl als Familie in diesem Land auch wirklich willkommen zu sein. Und daran können nur wir alle gemeinsam etwas verändern.

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