Zölibat: Sollte Ehelosigkeit katholischer Priester freiwillig sein?

Zölibat: Sollte Ehelosigkeit katholischer Priester freiwillig sein?
© dpa, Michael Kappeler

Heimliche Geliebte von Priestern fordern die Abschaffung des Zölibats

Die Diskussion um den Zölibat in der katholischen Kirche ist mal wieder entbrannt. Da schreibt ein deutscher Pfarrer einen Brief an den Papst, weil er vom Zölibat entbunden werden, aber Priester bleiben will (der Mann hat eine Tochter, zu der er sich nach langen Jahren bekennt). Und ein paar Tage später bekommt Franziskus gleich noch mal ähnliche Post – diesmal von 26 Frauen. Alle heimliche Geliebte von katholischen Pfarrern: "Wir lieben diese Männer, und sie lieben uns". Die 26 Italienerinnen wollen auf das Leid - sie nennen es "Narben fürs Leben" – aufmerksam machen, das der Zölibat ihnen und ihren Geliebten gebracht hat. Sie führen oder führten ein Leben zwischen Heimlichtuerei, Verschweigen und Gerüchten, weil der Zölibat in der katholischen Kirche Priestern ein Leben in Ehelosigkeit vorschreibt.

Ursula Willimsky

Das war nicht immer so, und das ist nicht überall so. Auch nicht in der katholischen Kirche. In der Ostkirche dürfen Priester heiraten – dort sind nur höhere Dienstgrade wie zum Beispiel ein Bischofstitel an die Enthaltsamkeit gekoppelt. Und auch verheiratete Priester, die in der Westkirche beispielsweise vom protestantischen oder anglikanischen Glauben zum Katholizismus wechseln, müssen Frau und Kinder nicht in die Wüste schicken, um weiter als Pfarrer tätig sein zu dürfen.

Ständige Diakone (quasi die erste Stufe des Priesteramts) dürfen ohnehin verheiratet sein – oder auch nicht. Das legen sie selbst bindend fest. Aber wer nach dem Diakon weitermachen und Priester werden will, muss ganz auf die Ehe verzichten. Gründe gibt es mannigfache: Neben der Aura einer gewissen kultischen Reinheit soll der Verzicht auf Ehe und Familie auch dafür sorgen, dass ein Priester völlig und ganz für seine Schäflein und seinen Glauben zur Verfügung steht.

Ach ja, einige Fachleute sagen: Bei der Einführung des zwingenden Zölibats ging es vor allem um Geld. Wer verheiratet ist und Kinder hat, hat auch Erben. Und wenn er stirbt, hinterlässt er sein Vermögen vermutlich lieber den eigenen Kindern als dem Arbeitgeber, sprich: der Kirche. Papst Franziskus, der das alles ja ändern oder beibehalten könnte, sieht im Zölibat "eine kulturelle Überlieferung, mit der man zehn Jahrhunderte lang überwiegend positive Erfahrungen" gemacht habe. So formulierte er es wenigstens, als er noch Kardinal war.

Immerhin: "Kulturelle Überlieferung" klingt weniger unumstößlich als "Glaubensgrundsatz". "Kulturelle Überlieferung" klingt eigentlich fast so, als ob man das auch ändern könnte. So wie heutzutage in der Kirche die Frauen nicht mehr zwingend links und die Männer nicht mehr zwingend rechts sitzen müssen. Das hat sich geändert, auch wenn diese Änderung die Kirchen sonntags nicht voller macht.

Wenn übers Zölibat diskutiert wird, schwingt oft eine gewisse Genitalfixierung mit. Denn Pfarrer, so glaubt man zu wissen, verzichten mit ihrem Gelübde auf Sex. Das mag manchem schwer fallen, aber es ist machbar. Ob ein Priester das mit der Enthaltsamkeit durchhält, weiß vorher keiner, er ja auch nicht. Aber auch Leute, die heiraten, wissen nicht, ob sie ihr Versprechen durchhalten, hat es der Priester Stephan Wahl mal formuliert. Und außerdem – so könnte man unterstellen: Sein Bedürfnis nach Sex kann man notfalls auch heimlich und unverbindlich befriedigen (wir sprechen hier von Sex, nicht von Missbrauch).

Was man aber weder heimlich noch unverbindlich bewerkstelligen kann, ist das Leben in einer von Liebe, Zuneigung und Respekt geprägten Partnerschaft, die einem hart arbeitenden Priester Rückhalt und Sicherheit gibt. Genauso wie einer Managerin oder einem Tankwart. Wer auf Ehe oder Beziehung verzichtet, ist schnell einsam. Oder muss sich verstellen und verstecken. Und das – so scheint es uns – ist vielleicht eines der schwerwiegendsten Argumente gegen den Zwangszölibat. Denn der Zölibat verpflichtet Priester dazu, allein zu leben und allein alt zu werden. Die Einzelkämpfer müssen einen hohen Preis zahlen, um ihre Berufung zu leben. Und sie haben keine Enkel, denen sie sonntags 2 Euro zustecken können.

Der deutsche Priester hofft, vom Zölibat befreit zu werden. Nicht weil er jetzt noch heiraten will, sondern weil er anderen ersparen will, sich zwischen Familie und Kirche entscheiden zu müssen. Betonung auf müssen. Denn natürlich ist es das gute Recht eines Menschen, allein zu leben. Wenn er es denn will. Die Frauen aus Italien kämpfen gegen das Zölibat, weil sie "nicht mehr in der Stille leben" wollen.

Zölibat sollte freiwillige Entscheidung sein

Ob der Vatikan sich durch solche Briefe und Diskussionen dazu bewegen lässt, die Unumstößlichkeit einer "kulturellen Überlieferung" zu überdenken – wer weiß. Vielleicht wäre es tatsächlich das Einfachste, der Papst würde die Verpflichtung zum Zölibat einfach in eine freiwillige Entscheidung ändern. Am Status der kostbaren Lebensform würde die Freiwilligkeit kaum etwas ändern, vielen Priestern würde sie aber Gewissenskonflikte ersparen. Vielen heimlichen Geliebten und ihren Kindern das Leben deutlich leichter machen. Und ob es an der Qualität der Seelsorge etwas ändert, wenn der Herr Pfarrer Dienstag Nachmittag seinen Sohn zum Fußballtraining fährt… hm.

Enden wollen wir heute mit einem Zitat aus dem klassischen "Wort zum Sonntag", diesmal von oben bereits zitierten Monsignore Stephan Wahl, das die Dringlichkeit der Zölibats-Diskussion einen Hauch relativiert: "Es gibt so viele drängende wichtige Themen, die Menschen zutiefst bewegen und für die sie zurecht Orientierung durch ihre Kirche erwarten“, wie zum Beispiel die Verantwortung für künftige Generationen. Angesichts der Probleme der Welt sagt er: "Ich schäme mich dafür, welche Energie wir für innerkirchliche Themen verschwenden." Nicht die Aufhebung des Zölibats würde die Kirche ins Wanken bringen --- sondern die formelhafte Härte.

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