Zalando-Reporterin Caro Lobig: "Ich wollte die Menschen aufrütteln"

Günter Wallraff plant den Undercover-Einsatz mit Caro Lobig
Caro Lobig im Gespräch mit Enthüllungs-Journalist Günter Wallraff

Caro Lobig: "Die Reaktionen haben mich sehr gefreut"

Drei Monate lang arbeitete die junge Journalistin Caro Lobig undercover beim Online-Versandhandel Zalando in Erfurt. Was sie dort erlebte, war erschreckend: Komplette Überwachung, extrem körperliche Arbeit und permanenter Leistungsdruck. Die Reportage schlägt hohe Wellen in allen Medien - uns steht sie Rede und Antwort.

von Lara Schwarzkamp

Das war ein ganz schöner Wirbel um dich und die Reportage. Zalando hat sogar Anzeige erstattet. Wie geht es dir jetzt?

Caro Lobig: Das war tatsächlich eine riesige Welle an Reaktionen nach dem Beitrag. Das hat mich sehr gefreut. Deshalb habe ich mich auch direkt darauf eingelassen und darauf reagiert. Ich habe die letzten zwei Wochen wirklich durchgeackert. Aber es hat sich auf jeden Fall gelohnt und es geht mir sehr gut damit, weil ich sehe, dass Zalando anfängt, die Arbeitsbedingungen zu ändern und das wollte ich erreichen. Wenn ich dann allerdings auch mal wieder einen Tag frei habe und etwas Ruhe einkehrt, dann freue ich mich natürlich auch.

Hättest du mit so heftigen Reaktionen gerechnet?

Caro Lobig: Es kam schon überraschend, dass die Medien so extrem darauf angesprungen sind und wirklich überall etwas stand nach dem Beitrag. Es war sicherlich auch extrem, dass die Leute in den sozialen Netzwerken so auf Zalando angesprungen sind und wirklich den Rückschluss gezogen haben, dass die Arbeitsbedingungen dort schlecht sind. Viele haben ja gesagt, dass sie nichts mehr bestellen wollen. Das ist langfristig natürlich nicht das Ziel. Ich wollte die Menschen aufrütteln, aber langfristig sollen sich vor allem die Arbeitsbedingungen bei Zalando ändern und nicht das Unternehmen komplett boykottiert werden.

Hattest du dir eine spezielle Reaktion erwünscht oder vielleicht gehofft, dass der Beitrag auch nachhaltig etwas am Denken der Leute verändert? Frauen lieben ja Online-Shopping: Was rätst du ihnen jetzt?

Caro Lobig: Ich habe einfach sehr gehofft, dass die Kunden nach diesem Beitrag ihr eigenes Kaufverhalten reflektieren, weil wir mittlerweile in so eine Bequemlichkeit hineingerutscht sind. Es ist modern online zu bestellen - wir machen uns aber wenig Gedanken, was dahinter steckt und wer die Leute sind, die das abarbeiten müssen. Es war meine größte Hoffnung, dass die Kunden erkennen, diese Arbeitsbedingungen sind nicht menschenwürdig und wir können etwas ändern, indem wir Druck machen. Es geht nicht nur um Zalando, sondern es geht um den Versandhandel insgesamt. Wenn Zalando die Bedingungen verändert, dann kann man da ja auch bedenkenlos bestellen – dann steht Zalando ja eher noch besser da, weil sie darauf eingehen.

"Es spielt keine Rolle, wie alt jemand ist, um solche Missstände zu erkennen"

Teilweise wurden die Toilettengänge und Auszeiten kontrolliert: Wie hast du das empfunden? Wurde Rücksicht auf Geschlecht oder körperliche Beeinträchtigungen genommen?

Caro Lobig: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass zwischen alt und jung oder Mann und Frau keine Unterschiede gemacht werden. Egal in welcher Verfassung man ist, jeder muss die gleiche Leistung bringen. Und das war schon heftig, wenn ich ältere Kollegen gesehen habe, die körperlich Probleme hatten. Wenn es sich schon für mich extrem angefühlt hat, dann habe ich mich gefragt, wie es sich für die anfühlen muss, die vielleicht schon zig Jahre in so einem körperlichen Beruf arbeiten.

Du bist ja noch sehr jung: Wurde dir dein Alter zum Vorwurf gemacht oder glaubst du, dass es dir vielleicht sogar geholfen hat?

Caro Lobig: Das hatte auf jeden Fall Vorteile, weil ich das absolut neutral und ohne Vorerfahrung angegangen bin. Es gibt viele, die in meinem Alter dort arbeiten - ab diesem Jahr gibt es dort auch Ausbildungen. Ich habe es einfach ganz naiv ausgetestet. Es spielt keine Rolle, wie alt jemand ist, um solche Missstände zu erkennen. Dazu gehört einfach nur gesunder Menschenverstand, um zu merken, dass dieser Druck und die Überwachung kein Mensch verdient hat.

Inwiefern hast du von der Arbeit mit Günter Wallraff und vielleicht auch seiner Erfahrung profitiert? Wie hat er dich unterstützt?

Caro Lobig: Er hat mir sehr viel geholfen. Wir haben uns im Vorhinein schon zusammengesetzt und das gemeinsam entwickelt. Als ich dann bei Zalando war, haben wir auch regelmäßig miteinander telefoniert. Wir haben besprochen, was auffällt, wo man vielleicht noch ein wenig genauer hinhorchen muss. Und er konnte auch so ein wenig für mich einordnen, was ist schlimm oder unnormal für so eine Branche und was nicht. Da hat mir seine Erfahrung sehr geholfen. Er hat mir auch immer wieder Tipps in bestimmten Situationen gegeben, wie ich zum Beispiel unauffällig bleiben kann.

Hattest du zwischendurch auch Angst enttarnt zu werden?

Caro Lobig: Dadurch, dass ich ständig wusste, dass ich beobachtet werde und sie mich durch den Scanner in der Hand ständig sehen, war es natürlich schon sehr riskant. Ich hatte ja auch die ganze Zeit eine versteckte Kamera dabei. Das war nicht nur der normale Druck, der ohnehin schon bei Zalando herrschte. Es kam eben noch der Faktor hinzu, dass ich Beweise sammeln musste.

Jeder kennt nun dein Gesicht. Ist das das Ende deiner Karriere als investigative Journalistin oder machst du weiter?

Caro Lobig: Es ist nicht so, dass ich auf der Straße erkannt werde. Ich glaube, dass sich das auch alles wieder etwas verläuft. Man zieht sich einfach wieder etwas zurück und lässt Gras über die Sache wachsen und dann denke ich, dass das kein Problem ist. Günter Wallraff schafft es bis heute noch, sich zu verstellen.

Vielen Dank für das Interview!

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