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Wut: Ein Gefühl - zwei Funktionen

Wut und Zorn
Zorn und Wut sind eine Basis-Emotion. Den entsprechenden Gesichtsausdruck erkennen alle Kulturen weltweit. © lassedesignen - Fotolia

Zorn und Wut: Wenn ein Gefühl in uns brodelt

Wie bei allen Emotionen ist der Gesichtsausdruck eines zornigen Menschen leicht zu erkennen. Egal ob in hochzivilisierten Kulturen oder bei Naturvölkern, Zorn steht den Menschen ins Gesicht geschrieben. Und auch der Körper zeigt eindeutige Reaktionen, wenn wir wütend oder zornig werden. Die häufigsten körperlichen Symptome sind ein Gefühl von Muskelanspannung, eine Beschleunigung des Pulses und eine Wärmeempfindung. Das spiegelt sich auch in unseren Begrifflichkeiten für dieses Gefühl wider: Jemand "kocht vor Wut" oder jemand "bringt uns zur Weißglut".

Die Symptome für Wut wurden übereinstimmend von Personen aus 31 Ländern aller fünf Kontinente beschrieben. Und auch Forscher haben diese Beobachtungen bestätigt. So führt Zorn dazu, dass wir zum Beispiel unsere Arme anspannen, was oft dazu führt, dass wir auch die Fäuste ballen. Die oberflächlichen Blutgefäße weiten sich, um im Falle eines Angriffs die Muskulatur gut zu versorgen, dadurch entsteht die Wärmeempfindung. Häufig rötet sich auch unser Gesicht (gut zu beobachten bei Comiczeichnungen und kleinen Kindern). Auch der Atem beschleunigt sich, das Herz schlägt schneller und der Blutdruck steigt an.

Wozu dienen Zorn und Wut?

In unserer zivilisierten, westlichen Gesellschaft werden Gefühle von Zorn und Wut generell als etwas Negatives betrachtet. Wer wütend herumschreit oder sich in Rage wild gebärdet, wird schief angeguckt, weil er sich nicht unter Kontrolle hat. Trotzdem können wir oft nicht verhindern, dass uns der Kragen platzt, obwohl wir wissen, dass das unangenehme Konsequenzen haben kann. In der Evolution des Menschen aber war Zorn überlebenswichtig. Erinnern Sie sich an Ihre letzte Begegnung mit jemandem, der so richtig wütend geworden ist? Was haben Sie verspürt, als Sie dieser Person ins Gesicht gesehen haben? Wahrscheinlich war es Angst oder zumindest eine gesunde Form von Respekt.

Zorn hat nämlich eine Doppelfunktion. Zum einen sollen uns, die wir in Wut geraten sind, die körperlichen Reaktionen auf einen eventuellen Kampf vorbereiten. Gleichzeitig verhärten sich unsere Gesichtszüge, ein potentieller Gegner sieht uns an, dass wir kampfbereit sind und es ernst meinen. Das wird ihn vielleicht dazu verleiten, sich noch einmal genau zu überlegen, ob er uns jetzt weiter provoziert. Im besten Falle bekommt er Angst und versucht, die Situation zu entschärfen. Denn mit einem Kampf sind immer auch große Risiken verbunden. Kämpfen kostet eine Menge Energie und man muss eventuelle Verletzungen in Kauf nehmen. Zu Zeiten, als der Mensch noch Mammuts jagen musste und ohne medizinische Versorgung war, ein echtes Problem.

Wie wir mit Zorn umgehen

Häufig sind wir gezwungen uns genau zu überlegen, ob das impulsive Entladen unserer oft angestauten Wut nicht vielleicht weitere Schwierigkeiten nach sich zieht. So kontrollieren wir negative Emotionen zum Beispiel eher, wenn wir uns einer Respektsperson (zum Beispiel dem Chef) gegenübersehen, als wenn wir es mit einem Untergebenen zu tun haben. Außerdem werden Wutausbrüche in unserer Gesellschaft nicht toleriert (schon gar nicht in Form körperlicher Auseinandersetzungen). Daher suchen wir uns häufig andere Wege, die Spannung zu entladen.

Vielleicht ein Grund, warum Frauen lieber mit Geschirr werfen, als die körperliche Auseinandersetzung mit einem Mann zu suchen. Oder warum wir lieber unsere Kinder oder den Hund anschreien, wenn uns der Chef auf die Nerven gegangen ist. Und wünschen Sie sich nicht auch manchmal einen Boxsack, damit sie irgendwo hin können mit Ihrem Groll? Diese Form von Kompensation nennt sich Verschiebung.

Was tun, wenn Wutgefühle überhand nehmen?

Wut: Ein Gefühl - zwei Funktionen
Streiten ist in Ordnung, aber auch dafür gibt es Regeln! © Fotolia Deutschland

Um einem impulsiven Handeln vorzubeugen, empfiehlt es sich vor allem: Zeit gewinnen. Denn sobald das aktive Denken einsetzt, haben Sie auch wieder die Möglichkeit, bewusster zu handeln. Einmal durchatmen und bis zehn zählen ist daher nicht die schlechteste Alternative, um nicht sofort auszuflippen. Wenn Sie häufiger wütend werden, sollten Sie sich unbedingt überlegen, welche Situationen Sie besonders in Rage bringen. Wenn es eine Möglichkeit gibt, diese Situationen zu meiden, dann sollten Sie das unbedingt tun (etwa bei defekten Haushaltsgeräten: Statt sich darüber aufzuregen, sollten Sie lieber darüber nachdenken, ein neues zu kaufen. Das könnte merklich zu ihrem Wohlbefinden beitragen.)

- Verringern Sie die Anlässe für Gereiztheit und lassen Sie nicht zu, dass sich viele kleine Ärgernisse in Ihnen anstauen.

- Denken Sie über Ihre Prioritäten nach und betrachten Sie nicht alles und jeden als wichtig. Wenn jemand eine unglückliche Äußerung gemacht hat, der für Ihr Leben nicht von großer Bedeutung ist, dann sollten Sie Ihr auch nicht so viel Gewicht beimessen.

- Wenn wir hinter einer Handlung Absicht vermuten, werden wir besonders. Atmen sie tief durch und überlegen Sie, ob auch andere Gründe in Frage kommen, warum Ihr Gegenüber so handelt. Vielleicht hatten er oder sie nur einen schlechten Tag. Gestehen Sie anderen Personen Fehler zu.

- Eine Nacht über eine Sache schlafen, hilft manchmal tatsächlich. Vielleicht ist der Tag in seiner Gesamtheit nicht gut verlaufen und Ihre Wut wurde nur vom Tüpfelchen auf dem I ausgelöst. Dabei ist das vielleicht nicht mal das Schlimmste gewesen, was Ihnen an diesem Tag passiert ist.

- Seien Sie wütend, aber lassen Sie Ihrem Gegenüber trotzdem Zeit für eine Erklärung. Vielleicht gibt es ja tatsächlich einen guten Grund. Nutzen Sie diese Zeit, um nachzudenken und sich zu beruhigen.

- Konzentrieren Sie sich nur auf das, was Sie in diesem Moment wütend macht. Wärmen Sie keine alten Geschichten auf, damit steigern Sie sich unnötig in die Situation hinein.

- Brechen Sie das Gespräch ab, wenn Sie das Gefühl haben, dennoch die Kontrolle zu verlieren. Das ist besser, als sich zu etwas hinreißen zu lassen, dass Sie hinterher bereuen würden.

- Schwamm drüber und gut: Legen Sie Dinge, die einmal geklärt sind zu den Akten.

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