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WM-Halbfinale 2014: Jubelnde Männer und bemitleidende Frauen?

Stimmt das Geschlechter-Klischee des harten Mannes?
Darum jubeln Männer wirklich © dpa, Patrick Seeger

Das Geschlechter-Klischee im WM-Halbfinale 2014

„Oh, Gott das war so schlimm – diese großen weinenden Kinderaugen!“ „Was? Spinnst du, das war der Jahrhundert-Knaller, denen haben wir es ja mal so richtig gezeigt!“ Wer den Deutschland-Brasilien-Hammer aus einem Grund, der mir gerade nicht einfällt, nicht gesehen hat, steht in den Kaffeeküchen echt auf dem Schlauch. Je nach dem, von wem man sich die Zusammenfassung anhört, kommen da völlig verschiedene Stimmungen auf. ’Klar’, denkt man ’die harten Kerle jubeln, die zarten Frauen trösten!’ Aber - stimmt das wirklich?

Dagmar Baumgarten

Beim Spiel selbst war die Lage noch eindeutig. Die ersten Tore fallen: Die Männer brüllen - die Frauen kreischen. Die nächsten Tore fallen: Die Männer brüllen weiter, die ersten schmeißen sogar schon ihre Karren an und starten noch vor der Halbzeitpause ihre ersten Hup-Korsos durch die Innenstadt. Noch kreischen und johlen die meisten Frauen mit. Vereinzelt bleibt aber da schon einigen das Whoo-hoo im Halse stecken. Denn die ersten süßen weinenden brasilianischen Kinderaugen werden eingeblendet. Klar, alle wollten, dass Deutschland hier gewinnt - aber so? Schleichend machte sich ein zarte ’au weia- die armen Brasilianer’-Stimmung breit.

Und das ist ja eigentlich auch ein normaler gesunder Reflex - weinende Menschen lösen bei uns Mitleid aus. Diese Verzweiflung bei den Brasilianern, die im eigenen Land so gedemütigt werden, lässt eigentlich keinen kalt. Interessanterweise auch nicht die Männer. In der Sieges-Euphorie, und insbesondere im Rudel, gibt das natürlich keiner zu. Da werden Bilder von traurigen Brasilien-Fans oder auch herzzerreißend heulenden Spielern mit einem hämischen „Guck mal, die alte Flennschlampe! “ scheinbar männlich weggelacht.

Männer haben Angst als Weichei abgestempelt zu werden

Bis zum Halbfinalspiel dachte ich auch noch, dass das wahrscheinlich ganz normal ist, dass die Frauen eben diesen ’Oh, die armen Schwachen muss doch jemand beschützen’-Impuls haben. Während die anscheinend weniger sozialkompetenten Männer bei Fußball nur ans Gewinnen denken und die Gegner grundsätzlich vernichten wollen.

Aber dann: So überraschend wie die Brasilianer noch das eine Gegentor schossen, erlebte ich Männer, in deren Jubel sich ganz leise und heimlich ernst gemeintes Verständnis für die Verzweiflung der Brasilianer mischte. Natürlich nur, wenn kein anderer Mann das mitbekam.

Muss ich womöglich meine Klischeeschublade aufräumen? Ist der Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Zeugen des fußballerischen Jahrhundertspektakels gar nicht die Emotion an sich? Sondern fehlt den Männern nur der Mut, das zu zeigen?

Denn am nächsten Morgen geben einige doch tatsächlich flüsternd zu, dass ihnen die Brasilianer ja schon irgendwie ein bisschen leid tun. Nicht alle empfinden das so. Aber interessanterweise auch nicht alle Frauen. Denn einige Kolleginnen überraschten mich heute mit einem knallharten Nicht-Mitleid. Achselzuckend hieß es „die sollen sich nicht so anstellen - wir sind auch im eigenen Land rausgeflogen“, und es war ein männlicher Kollege, der für die Brasilianer in die Bresche sprang mit einem: „Na, komm so niedergemäht zu werden, das tut schon echt weh!“

Anscheinend ist also der Mitleid-Reflex bei Männern und Frauen gar nicht so unterschiedlich wie es die harten Kerle gerne hätten. Der große Unterscheid scheint eher zu sein, dass in Deutschland die Männer Angst haben als Weichei abgestempelt zu werden, wenn womöglich rauskommt, dass sich unter ihrer harten Schale doch ein weicher Kern verbirgt. Das könnte sich nur ändern, wenn womöglich Im Finale am Sonntag die Deutschen ins Straucheln kommen. Was natürlich nicht passieren wird!

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