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Wirbel um Antidepressiva: Ärzte warnen vor SSRI-'Glückspillen'

Die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) Fluctin und Prozac stehen in der Kritik
Sie werden "Glückspillen" genannt, doch Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) stehen im Verdacht, mehr zu schaden als zu nützen. © kmiragaya - Fotolia, Karel Miragaya

"Das sind keine Lutschbonbons"

Pillen gegen Depressionen, Antidepressiva, sind eigentlich eine tolle Erfindung: Wer sich richtig mies fühlt, nimmt eine Pille, und alles ist wieder okay. Schön wär’s! Besonders eine bestimmte Gruppe dieser "Glückspillen", die 'Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer', kurz SSRI, stehen im Verdacht, mehr zu schaden als zu nützen. Dennoch werden immer mehr SSRI von Ärzten verschrieben. Die bekanntesten Medikamente heißen Prozac oder Fluctin.

"Seit 1995 hat sich die Zahl der SSRI-Verordnungen fast verfünffacht. So viele schwere Depressionen gibt es gar nicht", kritisiert Professor Tom Bschor, Psychiater und Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft laut 'Apotheken Umschau'. "Das sind keine Lutschbonbons." Bereits 2011 lag die Zahl der Tagesdosen allein für Fluctin dem Arzneimittelreport 2012 zufolge in Deutschland bei über 500.000.

In weniger als zehn Jahren fünfmal so viele SSRI - laut Bschor liegen damit massive Verordnungsfehler vor. Diese Medikamente seien lediglich für die Behandlung schwerer Depressionen vorgesehen. Nur gegen diese hätten die SSRI einen (geringen) Effekt. Im Vordergrund stehen bei der Anwendung der SSRI die gravierenden Nebenwirkungen: Das Selbstmordrisiko bei unter 25-Jährigen ist mit SSRI deutlich erhöht, Schwangere nehmen ein Risiko von Fehlbildungen in Kauf, es kommt zu sexuellen Funktionsstörungen, Schlaflosigkeit, Übelkeit und Durchfall.

Selbstmordrisiko durch 'Glückspillen' deutlich erhöht

Ursache dafür, dass die Zahl der Verordnungen trotz der Risiken und der geringen Wirksamkeit so stark ansteigt, sei laut Gesundheitsexperten, dass diese gefährlichen Pillen immer häufiger von Allgemeinmedizinern verschrieben würden. Und die greifen offenbar bereits zum Rezeptblock, wenn der Patient nur eine schwierige Lebenssituation durchstehen muss: Kummer, Trauer, Trennung, Stress. Laut Bschor wirken die "Glückspillen" dagegen überhaupt nicht.

Schon die Grundannahme, dass ein zu niedriger Serotoninspiegel im Blut die Ursache von Depressionen sei, ist in mehreren Studien widerlegt worden. Warum die gefährlichen Medikamente dennoch bei schweren Depressionen einen gewissen Effekt haben, ist noch weitgehend ungeklärt.

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