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Will Hill im Interview

Will Hill im Interview
Department 19 ist als Trilogie aufgebaut.

Schauen Sie vor dem Schlafen gehen unters Bett?

Sie sind in Englands Nordosten aufgewachsen – einer Gegend bekannt für unzählige Mythen, Legenden und Geistergeschichten. Haben Sie jemals etwas Übernatürliches erlebt?

Leider nicht – ich bin zwar sehr leichtgläubig, aber ich habe noch nichts Übernatürliches erlebt. Jetzt lebe ich in einem netten kleinen Ort im Osten Londons, Stoke Newington. Das Schlimmste, was einem hier zustoßen kann, ist, von einem Kinderwagen überrollt zu werden. Nur wenn es im Supermarkt kein frisches Brot mehr gibt, sorgt das für Aufregung!

Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?

Den gibt es nicht! Ab und an besuche ich Schulen oder signiere Bücher, beantworte Interviews oder schreibe Blogs. Aber an einem normalen Schreibtag stehe ich morgens auf und mache meiner Freundin erst mal einen Tee (sie hat einen ordentlichen Job und muss früh aus dem Haus). Dann mache ich mich auf den Weg in die British Library, direkt bei mir um die Ecke. Den Vormittag über lese ich dann, was ich am Vortag geschrieben habe. Nach dem Mittagessen fange ich gewöhnlich mit dem Schreibprozess an. Meine produktivste Phase ist zwischen 1 Uhr mittags und halb acht abends. Danach gehe ich nach Hause, esse mit meiner Freundin zu Abend, sehe ein bisschen fern und setze mich entweder noch mal ans Schreiben oder gehe schlafen.

Sie haben viele Jahre bei einer Wohltätigkeitsorganisation gearbeitet, als Barkeeper und Buchhändler, bevor Sie mit dem Schreiben anfingen. War es immer schon ihr Traum, Schriftsteller zu sein?

Während meiner Zeit in der Buchbranche habe ich viele Autoren kennen gelernt, die nie etwas anderes machen wollten als zu schreiben. Ich bin keiner davon. Ich wollte Pilot werden, Fußballspieler, Comic-Zeichner, Regisseur und noch ein Dutzend anderer Sachen. Aber wenn ich zurückblicke, stelle ich fest, dass ich eigentlich immer schon geschrieben habe. Nach meinem Uni-Abschluss habe ich dann einfach begonnen, einen Roman zu schreiben, nur um zu sehen, ob ich eine Geschichte entwickeln konnte, die die dem Umfang eines Buches gewachsen ist.

Und wie kam Ihnen dann die Idee zu diesem Buch?

Ursprünglich waren es zwei Ideen. Meine erste Idee bekam ich dadurch, dass ich »Dracula« und »Frankenstein« immer und immer wieder gelesen habe. Ich war ungefähr 13 Jahre als ich beides zum ersten Mal las und bin mir ziemlich sicher, dass ich damals noch nicht viel verstanden habe! Ich habe mich gefragt, wie es für die Figuren nach Ende des Buches wohl weitergeht. Bei Frankenstein war der Gedanke sehr klar: Was wäre, wenn das Monster an seinem Selbstmordversuch scheitert und seine Taten fortan büßt? Bei Dracula interessierte mich, was aus den Figuren wird, die die Reise nach Transsylvanien überleben. Wären sie diejenigen, die weitere Vampire bekämpfen? Wie sieht es ein Jahrhundert später aus?

Meine zweite Idee handelte von einem durchschnittlichen Teenagerjungen, dessen Leben durch einen einzigen einschneidenden Moment vollkommen auf den Kopf gestellt wird. Er kann zwar nichts dafür, dass es passiert, aber trotzdem müssen er und seine Mutter die Konsequenzen tragen und damit leben. Dann wurde mir klar, dass sich diese beiden Ideen wunderbar miteinander vereinen lassen und auf einmal hat alles einen Sinn gemacht.

"Horrorszenen sind besonders bildhaft und lebendig"

»Department 19« ist gruselig, actionreich und spannend bis zur letzten Seite. Wie lange haben Sie gebraucht, um die Geschichte zu entwickeln und zu schreiben?

Anfangs hatte ich einen regelrechten Lauf und nur drei Tage gebraucht, um die ersten vier Kapitel zu schreiben. Die Geschichte begann sich vor mir auszubreiten und so langsame bekam ich eine Ahnung davon, welches Ausmaß das Ganze annehmen würde – eine Geheimorganisation mit einer sich über ein Jahrhundert hinaus erstreckenden Geschichte mit Verbindungen und Beziehungen, die ins 20te Jahrhundert hineinreichen. All das musste sehr gut geplant werden, das Department, die Monster, die Waffen, die Zeitachse und Familienstammbäume – andernfalls wäre ich früher oder später in einer Sackgasse gelandet.

Also begann ich eine dreimonatige Recherche und Planungsphase. Ich habe für alle Nachfahren der Gründungsmitglieder Biographien zusammengestellt, habe Stammbäume, Karten und Diagramme gezeichnet. Danach dauerte es noch ungefähr ein Jahr bis »Department 19« fertig war.

Ist die richtige Atmosphäre wichtig beim Schreiben der Horrorszenen?

Horrorszenen sind besonders bildhaft und lebendig, das macht es beim Schreiben einfach und man kommt leicht in die richtige Stimmung. Ich versuche sie möglichst schnell aufzuschreiben, um das Gespür für das Tempo nicht zu verlieren und den Moment des Terrors und Chaos unverfälscht einzufangen. Ich blende dann alles um mich herum aus. Genauso ist es auch bei sehr emotional aufgeladenen Szenen oder Szenen, die sich im Kopf der Figuren abspielen. Ich bin dann ganz und gar im Kopf meiner Figuren und ignoriere die reale Welt.

Jamie hat mit Frankensteins Monster einen ungewöhnlichen Begleiter an seiner Seite. Welche Beziehung haben Sie zueinander?

Frankenstein füllt die Lücke, die Jamies Vater durch seinen Tod hinterlässt – als jemand, der ihn beschützt und sich um ihn sorgt. Jamie fühlt sich von seinem Vater verraten und durch dessen Tod allein gelassen. Er hat gelogen, indem er seiner Familie die Wahrheit über seine Arbeit im Department 19 verschwiegen hat. Frankenstein hingegen belügt Jamie nicht und behandelt ihn auch nicht wie ein Kind – er sagt die Wahrheit, selbst wenn sie wehtut. Diese Aufrichtigkeit weiß Jamie auf seinem Weg zum heranwachsenden Mann mehr zu schätzen als ihm bewusst ist.

Aus Frankensteins Sicht ist Jamie zu aller erst eine Verpflichtung als Folge eines jahrzehntealten Versprechens. Er gibt auf ihn Acht, aber findet den Teenager auch nerv tötend. Dennoch ist seine Zuneigung echt.

Haben Sie eine Lieblingsfigur im Roman?

Jamie trägt einige Charakterzüge von mir selbst in sich – kaum verwunderlich! Ich war als Teenager genauso bockig und nervig wie er es ist und ebenfalls ein kleiner Besserwisser. Ich liebe aber auch Frankenstein und Larissa und selbst Valentin Rusmanov fasziniert mich sehr, was mir zu denken geben sollte. Matt ist aber der Charakter, zu dem ich die größte Verbindung habe – er ist viel schlauer als ich, aber abgesehen davon, sind wir uns sehr, sehr ähnlich.

Wie entwickeln Sie Ihre Figuren? Wissen Sie von Anfang, welche Eigenschaften, die einzelnen Figuren haben sollen?

Als ich mit »Department 19« angefangen habe, wusste ich sofort wie der Anfang und das Ende aussehen soll. Aber ich hatte keinen Schimmer, was dazwischen passieren sollte oder wie ich vom Anfang zum Ende gelange. Auch die Charaktere entwickeln sich meistens erst während des Schreibprozesses – in »Department 19« gibt es hierfür ein gutes Beispiel. Larissa, die jetzt nicht mehr aus der Handlung wegzudenken ist und sich zu einer der beliebtesten Figuren entwickelt hat, war ursprünglich nicht im Entferntesten als Hauptfigur angelegt. Ihre Aufgabe sollte es sein, Jamie in die Welt der Vampire einzuführen und ihm zu zeigen, wie gefährlich diese ist. Doch vom ersten Moment ihres Auftretens begann ich sie richtig zu mögen. Also ließ ich Jamie zu ihr in die Zelle hinuntergehen, einfach um zu sehen, was passiert. Das wurde zu meiner absoluten Lieblingsszene im ganzen Buch und änderte alles, was ich bis dahin für Jamie geplant hatte.

In welche Rolle würden Sie lieber schlüpfen: Van Helsing, Frankenstein oder Dracula?

Keiner von ihnen ist wirklich verlockend! Van Helsing ist ein alter Mann, als John Seward ihn bei dem Fall gegen Dracula um Hilfe bittet. Frankensteins Leben ist furchtbar elendig, auch in der Geschichte, in die ich ihn hineingeschrieben habe. Und Dracula ist ein massenmordendes Monster! Wenn ich mich für einen entscheiden müsste, würde ich Frankenstein nehmen. Aber das ist keine Wahl, mit der ich besonders glücklich sein kann.

Das Department 19 ist die geheimste Organisation der britischen Regierung, verantwortlich für die Bekämpfung des Übernatürlichen. Haben Sie eine Verschwörungstheorie? Was verheimlicht die Regierung vor uns?

Ich bin definitiv kein Verschwörungstheoretiker, wohl aber ein Realist – es gehen immer Dinge vor, die die Regierung vor der Bevölkerung geheim hält und viele davon erweisen sich nicht als angenehm. Attentate, Anti-Terror Maßnahmen, Sabotage, Aufrüstung, Guerilla Training, Regierungswechsel, all das passiert ohne unser Wissen oder unserer Zustimmung. Um ehrlich zu sein, halte ich es manchmal nicht für so unwahrscheinlich, dass Department 19 existiert.

Schauen Sie vor dem Schlafen gehen unters Bett?

Ja, aber das hat mehr mit Spinnen und Mäusen zu tun als mit Vampiren.

Ihr Debütroman ist Teil einer Trilogie und sorgte bereits in England für große Begeisterung. Wie geht es weiter?

Um dem Ende des ersten Teils nicht zu viel vorwegzunehmen, verrate ich nur so viel: Das zweite Buch geht drei Monate später weiter und handelt von den Folgen und Auswirkungen, denen das Department sich nun gegenüber sieht und mit denen es schwer zu kämpfen hat. Geheimnisse werden gelüftet und ein Countdown gegen das Urböse beginnt...

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