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Wieso werden in Indien so viele Frauen geschändet? Eine Suche nach Antworten

Was läuft in Indien schief?

Es ist eine Tat, die 2014 weltweit für Entsetzen sorgte: Zwei Teenagerinnen, 14 und 15 Jahre alt, wurden auf einem Feld vergewaltigt – und dann erhängt an zwei Mango-Bäumen. Und ein ganzes Dorf schaute zu, ohne Rücksicht auf den Schmerz der Eltern.

Wieder eine grauenhafte Gruppenvergewaltigung, wieder in Indien - dem Land, das seit der berüchtigten tödlichen Vergewaltigung im Bus im Jahr 2012, nicht zur Ruhe kommt. Alle 22 Minuten ein neuer Fall. Tendenz steigend. Immer wieder Gewalt gegen Frauen, immer wieder Proteste dagegen, Ausschreitungen. Überforderte Polizisten. Hilflose Politiker. Was stimmt da nicht zwischen Frauen und Männern in Indien?

RTL-Reporter Daniel Koschera machte sich auf den Weg durch Indien – zu Menschen, die alle persönlich betroffen sind. Um zu verstehen, was die tieferen Gründe sind für die schrecklichen Taten und wie sich Indiens junge Frauen-Generation jetzt wehrt. Sein Ziel: Ein Dorf in der Nähe der Stadt Badaun. Hier geschah im Sommer die Tat, die die Welt erschütterte: Pushpa und Murti, 14 und 15 Jahre alt, wurden auf dem Feld von einer Gruppe Männer vergewaltigt – und dann erhängt. Stundenlang hingen ihre Leichen in aller Öffentlichkeit.

Den Eltern der Mädchen ist wichtig, ihre Geschichte zu erzählen. Der Tod ihrer Töchter ist noch nicht aufgeklärt, sie wollen Gerechtigkeit, Sühne für das, was in dieser Sommernacht geschah, die sie nie vergessen werden: "An diesem Abend waren die Mädchen aufs Feld gegangen, um sich zu erleichtern. wir haben keine Toiletten", erinnert sich Opfervater Sohan Lal, "aber sie kamen einfach nicht zurück. Nach einiger Zeit sagte uns jemand aus dem Dorf, man hätte sie bei den Mangobäumen gefunden, wo wir dann hingingen und sie sahen: erhängt."

Fünf Männer sollen es gewesen sein. Fünf Erwachsene gegen eine 14- und eine 15-Jährige. Drei der vermeintlichen Täter wurden gefasst, doch der Prozess läuft schleppend. Polizisten sollen sie gedeckt haben, weil sie zum selben Clan gehören - eine höhere Kaste als die der wohlhabenden Opfer.

Von Korruption wollen die Polizisten jedoch nichts wissen. Was Prävention angeht, haben sie eine interessante Meinung: "Die Gesellschaft ist doch mit schuld! Vor allem aber müssen die Eltern ihre Mädchen besser erziehen! Mädchen sollten sich gut benehmen. Sie sollten daheim bleiben und nicht einfach auf die Felder raus gehen. Sie sollten sich selbst besser schützen. Und auch nicht in dunkle Ecken in der Stadt gehen", erklärt G.L. Mathur, Polizist.

Das klingt fast nach: "Selber schuld." Zehn Vergewaltigungen werden täglich in diesem Bundesstaat gemeldet, die Dunkelziffer ist wohl viel höher. Und viele Täter haben wenig Schuldbewusstsein. Immer noch erschüttern auch indische Politiker mit unfassbaren Äußerungen die Öffentlichkeit: "Wenn man eine Vergewaltigung nicht verhindern kann, sollte man sie genießen." (Ranjit Sinha, Indische Polizei), "So etwas geschieht versehentlich" (Ramsevak Paikra, Innenminister Chhattisgarh), "Manchmal ist es richtig, manchmal ist es falsch" (Babulal Gaur, Innenminister Madhya Pradesh).

Nach der Ermordung der Teenagerinnen in Badaun sagte Mulayam Singh Yadav, ein Parteikollege des Präsidenten, schlicht: "Jungs sind halt so." Äußerungen, die nicht nur die Eltern von Pushpa und Murti unfassbar wütend machen.

Eine, die seit 20 Jahren gegen die sexuelle Gewalt in Indien kämpft, ist Ranjani Kumari. Und sie weiß: Die Opfer kommen aus ZWEI Schichten. "Entweder sind sie sehr arm und verletzbar, Frauen aus den unteren Kasten. Oder es sind selbstbewusste, städtische Frauen, die arbeiten gehen – genau das können manche Männer nicht akzeptieren: dass moderne Frauen in der Öffentlichkeit präsent sind."

Kumari sagt, es seien oft männliche Verlierer der Modernisierung Indiens, die sexuelle Gewalt als Rache an Frauen ausüben. Doch vor allem leiden viele Inderinnen unter alltäglicher Belästigung. Den respektvollen Umgang mit Frauen scheinen viele Männer nie gelernt zu haben. Natürlich ist nicht jeder indische Mann ein Grabscher, viele demonstrieren mit gegen sexuelle Gewalt. Aber ein Hauptproblem bleibt: indische Männer werden von klein auf wie Prinzen behandelt.

"Die Familien erziehen ihre Jungs ganz anders als die Mädchen: ihnen ist praktisch alles erlaubt. Sie bekommen keine Grenzen aufgezeigt. Die Mädchen aber werden stets kontrolliert. Das nehmen die Jungen dann als Freibrief und wenn sie ausziehen von daheim, verhalten sie sich weiter so. Sie lernen nie Gleichberechtigung. Sie lernen, über den Frauen zu stehen, sie lernen von klein auf: 'Seht her, ich bin hier der Chef'", so die Frauenrechtlerin.

In Badaun wurde inzwischen etwas unternommen, um Frauen besser zu schützen: Laut Polizei geschehen 65 Prozent der Vergewaltigungen, weil Frauen sich auf dem Land im Freien erleichtern müssen. Das muss hier jetzt keine mehr: 180 Toilettenhäuschen wurden von einer Hilfsorganisation errichtet.

Für Pushpa und Murti kommt diese Hilfe zu spät. Und ihre Familien warten immer noch auf ein Gerichtsurteil. Langsam bricht allerdings die Männerherrschaft in Indien. Frauen sind die engagiertesten Wählerinnen. Und immer mehr Jungen und Mädchen wachsen gemeinsam auf, respektvoll. Vielleicht erste Zeichen dafür, dass mehr Inder ihre Frauen bald so behandeln, wie gute Hindus es tun sollten: Wie Göttinnen.

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