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Westliches Frauenbild 'lernen': Kurse für muslimische Einwanderer?

Mann liest in einem Buch
Nachhilfe in Sachen westliche Werte - Ist das wirklich sinnvoll? © Gawrav Sinha

Norwegen gibt Einwanderern Nachhilfe

Eine ehrbare Frau trägt ein Kopftuch, alle anderen sind Huren: Auch in Norwegen gab es schon vor einigen Jahren das Problem, dass Einwanderer diese Gedanken mitbrachten. Um den Flüchtlingen erstmals die Idee eines westlichen Frauenbildes nahezubringen, bietet Norwegen spezielle Kurse an.

Jutta Rogge-Strang

Der Gedanke von Gleichberechtigung und Wertschätzung von Frauen ist für viele männliche Asylbewerber neu: In ihren Heimatländern wurden sie so erzogen, dass Gewalt gegen Frauen, aber auch gegen Kinder normal ist. Um präventiv dagegen vorzugehen, hat Norwegen seit einigen Jahren Gleichberechtigungskurse eingeführt, in denen über Gewalt, Sexualität und Freizügigkeit gesprochen wird.

Es geht in den Kursen vor allem „um Gleichberechtigung, aber noch um viele andere Themen, zum Beispiel um Kindererziehung, um Gewalt, um Traumata, um das Gefühl, als Flüchtling stigmatisiert zu werden. Und dann haben wir auch darüber gesprochen, dass Gewalt nicht notwendigerweise körperlich sein muss, dass etwa auch verbale Drohungen Gewalt sind“, so Nina Machibya, Leiterin einer Flüchtlingsaufnahmeeinrichtung in Norwegen zu 'Spiegel online'.

In den Kursen darf jeder Teilnehmer frei reden, ohne Vorverurteilung. Und damit es den Männern aus Afghanistan und Eritrea leichter fällt, sich zu öffnen, wurden sie aufgefordert, über ihre Erfahrungen im Freundes- oder Verwandtenkreis zu sprechen. Gewalt gegen Kinder oder Frauen war für viele selbstverständlich und sie waren eher erstaunt als ablehnend: „Eine Frau also kann ihrem Mann sagen, dass sie keinen Sex mit ihm will - und er muss das respektieren. Das war neu für viele,“ so Nina Machibya.

Ein kurzer Rock ist keine Einladung?

Dass auch ein kurzer Rock keine Einladung ist, mussten die Männer erstmals lernen: „Die allermeisten Kursteilnehmer waren jung, sie haben verstanden und akzeptiert, dass das Leben in Norwegen so ist. Ich kann mir aber vorstellen, dass es für ältere Männer schwieriger gewesen wäre“, so Machibya: „Wir müssen erklären, wie sich unsere Kultur in Norwegen etwa von der in Afghanistan unterscheidet: Was erlaubt ist und was nicht. Und welche Konsequenzen es hätte, eine Frau auf der Straße zu belästigen.“

Tatsächlich war es für die Männer nach dem Kurs einfacher, sich zurechtzufinden. Sie konnten Dinge besser einordnen, weil sie den Hintergrund verstanden hatten. Allerdings sollen diese Gleichberechtigungskurse nicht weiter finanziert werden und werden demnächst auslaufen. Dabei haben sie tatsächlich etwas bewirkt: Die Männer haben nicht durch Fernsehen, Zeitungen oder Musikclips von dem westlichen Frauenbild erfahren, sondern durch tiefer gehende Gespräche auf neutralem Raum.

Nachhilfe in Gleichberechtigung – eigentlich keine schlechte Idee. Ich erinnere mich an eine Folge von „Bauer sucht Frau“, in der ein junger Bauer seine Auserwählte Liegestütze machen ließ. Erst hinterher hat ihm jemand verraten, dass Frauen so etwas nicht mögen. Auch er hätte vorher besser einen Kurs gemacht, dann wäre die Frau vielleicht bei ihm geblieben.

Auch viele Männer aus islamischen Ländern haben keinen blassen Schimmer, nach welchen Regeln das Zusammenleben in der westlichen Welt funktioniert. Natürlich werden sie im Laufe der Zeit lernen, dass Frauen kein Freiwild sind. Mit einem Kurs wird dieser Lernprozess jedoch beschleunigt – und wahrscheinlich Schlimmeres verhindert.

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