FAMILIE FAMILIE

Wenn Väter ihr Kind nicht lieben können

Wenn Väter ihr Kind nicht lieben können
Knall auf Fall ein anderes Leben © dpa, Markus Scholz

Väter leiden unter ihrer mangelnden Liebe

"Das, was mich am meisten am Vatersein erstaunt hat, war, dass es so lange gedauert hat, bis ich das für mein Baby fühlte, was ich eigentlich fühlen sollte." Michael Lewis erzählt ganz offen, dass er die ersten Monate mit seiner kleinen Tochter in einem Zustand wechselnder Gefühle verbracht hat. Bestenfalls war da ein abgeklärtes Schmunzeln, wenn er sie sah. Schlimmstenfalls: Hass. Aber keine Spur von dieser allesüberflutenden Liebe, die einen angeblich überschwemmt, wenn man das erste Mal sein Baby im Arm hält.

Von Ursula Willimsky

Über Michael Lewis' offene Beichte in einer britischen Zeitung diskutiert derzeit halb Großbritannien. Denn der - inzwischen dreifache - Vater redet in drastischen Worten. Als er einmal mit seiner Tochter auf dem Arm auf einem Balkon stand, wäre ihm kurz in den Sinn gekommen, was passieren würde, wenn er sie fallen ließe. Angeblich hätte es ihm kaum etwas ausgemacht, wenn seine Tochter bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen wäre. Für Michael Lewis bleibt ein großes Rätsel: Wieso konnte er sein Baby nicht lieben? Und wieso hätte er nur sechs Monate später alles getan, um genau dieses ungeliebte Wesen vor allen Gefahren zu schützen? Dabei ist die Antwort doch ganz einfach: In diesen sechs Monaten hat er das Mysterium der Liebe kennengelernt.

Liebe braucht oft Zeit zum Wachsen

Viele Väter - und auch Mütter - können Lewis' Gedanken wohl in einer eher dunklen Ecke ihres Herzens nachvollziehen. Man freut sich auf ein Baby, dann ist es da - und dann? Tja - dann beginnt Knall auf Fall ein anderes Leben. Nicht mehr selbstbestimmt und frei, sondern in ein Korsett aus Zwängen und Pflichten gepackt. Viele Männer werden Väter mit dem vagen Gedanken im Hinterkopf, wie schön es denn sein wird, dem Kleinen die ersten Fußballschuhe zu kaufen und dann mal ordentlich auf dem Bolzplatz rumzutoben. Wer sich bei Vätern umhört, hört ganz oft den Satz: "Gerade jetzt ist eine ganz arg schöne Zeit. Jetzt kann ich endlich so richtig was mit ihr anfangen!" Was sie in den ersten zwei, drei Jahren erwartet, das können werdende Erst-Väter sich nur schwer vorstellen. Erst-Mütter übrigens auch nicht so recht.

Keine Gegenleistung

Kommt die Knopfleiste vom Babyjäckchen jetzt auf den Bauch oder auf den Rücken? Wie viele Löffel Brei muss ich jetzt noch mal in die 100 Milliliter Milch einrühren? Muss Baby eine Mütze tragen oder kann es einfach so mit raus? So was überfordert manche Männer. Michael Lewis: "Wir Männer haben alle Anforderungen der neuen Vaterschaft auf uns genommen - aber bekommen nichts von dem zurück, was wir uns erhofft haben." Keine größere Liebe der Ehefrau - eher noch Vorwürfe, dass er zu wenig oder das Falsche tat, so kam es ihm vor. Und auch vom Baby - keine Anerkennung. Egal, wie oft er die Windeln wechselte, es in seinen Armen gewiegt hatte oder es gefüttert hat - das Kind bevorzugte immer die Mutter.

"Wenn mich die Hebamme nicht vorbereitet hätte, ich glaube, ich hätte mich von meiner Frau scheiden lassen", erzählt ein anderer junger Vater. Ungerecht sei sie gewesen, nur noch fordernd, immer unzufrieden. Und das, wo er doch - so empfand er es - alles tat, um ihr die ersten Monate mit dem Baby zu erleichtern. Er sollte nur noch funktionieren, ohne zu klagen - alles wegen des Babys. Auch er stürzte von Krise zu Krise - solange, bis irgendwann ganz still und leise aus dem Anfangschaos eine neue, ertragbare Normalität gewachsen war. Und mit der Normalität kamen die Gelassenheit und die Liebe zurück.

Liebe braucht oft Zeit zum Wachsen

Die ersten Monate mit einem Kind sind wunderschön - sie können aber auch eine schreckliche Tortur sein. Durchwachte Nächte und tagsüber: Keine Zeit für sich selbst. Dann scheint das Leben nur noch aus schmutziger Wäsche und Babygeschrei zu bestehen. Schlimm, wenn man dann nicht nur mit dem Alltag zu kämpfen hat, sondern mit einem permanent schlechtem Gewissen. Tue ich genug für mein Kind? Versorge ich es richtig? Spürt es meine Liebe? Und vor allem: Was soll ich tun, wenn ich so gar keine Liebe zu empfinden scheine? Denn in einem ist sich unsere Gesellschaft einig: Ein Baby MUSS man lieben, geht ja gar nicht anders. Und die Erfahrung zeigt: Das stimmt auch. Allerdings ist es mit dieser Liebe eben auch nicht anders als mit jeder anderen Liebe: Es gibt die Liebe auf den ersten Blick - und es gibt die Liebe, die langsam reift und wächst.

Anzeige