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Wenn Kinder nerven: Stirbt Familienfreundlichkeit aus?

Wenn Kinder nerven: Stirbt Familienfreundlichkeit aus?
Kinderfreie Zone - oft wird Kinderfreundlichkeit nur klitzeklein geschrieben. © picture alliance / ZB, Arno Burgi

Kinderfreundlichkeit, nein danke!

Hotels nur für Gäste über 18. Cafes, in denen Kinderwägen verboten sind. Rasenflächen in Wohnanlagen, auf denen keine Kinder spielen dürfen. Wellness-Landschaften nur für Erwachsene – wer will, kann in Deutschland ein Leben führen, in dem er so gut wie nie mit Kindern in Berührung kommt. Was steckt dahinter? Ist es wirklich Kinderfeindlichkeit? Die Retourkutsche an Eltern, die ihre Kinder nicht im Griff haben, beziehungsweise nicht "richtig" erziehen? Oder ist es der Versuch, es sich in seiner kleinen Lebensnische richtig gemütlich zu machen und niemanden von draußen in den kleinen Kokon hereinzulassen?

Von: Ursula Willimsky

"Sorry, hier dürfen nicht mehr als zwei unbegleitete Kinder gleichzeitig rein." Der Zettel hängt an der Scheibe eines Ladens in Boston. Der Ladenbesitzer – selbst Vater von zwei Kindern – fühlte sich tyrannisiert: Immer wieder seien Gruppen von Kindern in seinen Laden gekommen, und hätten an den Selbstbedienungs-Terminals für Softdrinks endlos die Cola laufen lassen. Einfach so, aus Spaß und natürlich ohne zu zahlen. Auch Bestechungsversuche mit kontrolliert gezapfter Gratis-Cola hätten nichts genutzt. Klar – irgendwie stempelt der Mann durch sein Verbotsschild alle Kinder zu Konsum-Terroristen ab und schert sie über einen Kamm. Aber ihm Kinderfeindlichkeit vorzuwerfen fällt schwer. "Das Problem", so sagte er dem Spiegel, "sind nicht Sohn oder Tochter. Manche Eltern neigen nun mal dazu, in jeder Lausbubentat einen Geniestreich zu vermuten, und vergessen dabei, ihre Kinder zu erziehen." Ja, und mit diesem Satz sind wir in Deutschland. Auch hierzulande wird er gerne gebraucht, manchmal zu Recht, manchmal im etwas eigenartigen Kontext.

Kinderfreie Zonen überall

Erinnern wir uns zum Beispiel an die junge Mutter aus Elmshorn, die von einem Busfahrer höflich zum Aussteigen bewegt wurde, weil zwei ältere Damen sich durch das Geschrei des Babys gestört fühlten. Erstens können wir das verstehen, das Schreien fremder oder eigener Babys ist nervig. Zweitens können wir den weiteren Ablauf des Geschehens so gar nicht verstehen: Wieso muss die Mutter mit dem Baby aussteigen? Und die Damen, die ob ihrer Ruhebedürftigkeit eventuell über einen Wechsel vom öffentlichen Nahverkehr zum privaten Personentransport nachdenken könnten, durften ungestört sitzen bleiben? In der Lokalpresse klagte die Mutter: "Vor allem viele ältere Menschen fühlen sich von kleinen Kindern gestört. Ich bin regelmäßig angepöbelt worden, dass ich mein Kind endlich ruhigstellen soll."

Gut, dass sie nicht versucht hat, zur Beruhigung in einem Café ein Tässchen Tee zu trinken. Auch das kann mit Kinderwagen und Kleinkind schwer werden. Immer wieder entschließen sich nämlich Café-Besitzer, ihre Lokalität für Kinderwägen zu sperren. Wer sein Baby nicht unbeaufsichtigt draußen in der Kälte stehen lassen will, muss weiterziehen. Die Beweggründe sind mannigfach: Die Frühstücksmütter brächten weniger Umsatz als Geschäftsleute, zum Beispiel, aber dafür brächten sie jede Menge Lärm und Unordnung.

Eine Aussage, bei der einem unschöne Bilder einfallen von Babys, die mitten im Lokal auf dem Nachbartisch gewickelt werden, während man selbst gerade den ersten Bissen von seinem Vitello tonnato naschen will. In solchen Moment kann das Baby nichts dafür, dass es als störend empfunden wird … oder Familien, die sich im Restaurant so lautstark benehmen, als ob sie zu Hause wären.

Jetzt möchte man diesen Erziehungsverpflichteten gerne zurufen: Schickt doch Eure Kinder auf den nächsten Spielplatz, solange das Essen noch nicht da ist! Aber wenn sie Pech haben, stehen sie dann vor eisernen Zäunen. Wie in einer Wohnanlage in Berlin. 160 Appartements gibt es dort, viele Senioren, viele Studenten. Und ein paar vereinzelte Familien mit insgesamt zehn Kindern. Der tolle neue Spielplatz entwickelte sich zum Anziehungspunkt für Kinder aus dem Viertel – und das war dem Gros der Bewohner zu viel. Zaun drum rum, dickes Schloß davor: jetzt dürfen nur noch die zehn Kinder aus dem Block dort spielen. Ein Spielplatz quasi mit Türsteher – trister geht es kaum.

Oder doch: Aus Venedig haben wir erfahren, dass dort gleich ein ganzer öffentlicher Park für Kinder gesperrt wurde. Weshalb? Weil sich ein Hund beim Gassigehen erschrocken hatte, als dort im Grünen ein Kindergeburtstag gefeiert wurde.

Vermutlich fährt die Hundebesitzerin auch in Hotels, die nur Gäste ab 18 aufnehmen. Auch das ein schönes Beispiel für das Bestreben, sich nicht vom Leben mit all seinen Facetten stören lassen zu wollen. Für jede Spezial-Interest-Gruppe gibt es ja inzwischen eigene Reisen. Warum also nicht auch für Leute, die von Kinderlachen Migräne bekommen? Eine gewisse Kiez-Mentalität greift auch hier. Die Idee hat ja durchaus ihren Reiz: Niemand, der am Büffet kleckert, niemand, der quengelt. Erholung pur erwartet den Gast. Man kann sich exklusiv mit Leuten umgeben, die genauso ticken wie man selbst. Und mit niemandem sonst – die anderen sind nämlich im familienfreundlichen Hotel. Für einen Tag im Ruheraum einer Sauna mag das ja ein wirklich verlockendes Bild sein, oder auch mal für eine Nacht beim Städtetrip, wenn man am Morgen in Ruhe frühstücken will. Aber 14 Tag all inkl. so ganz ruhig? Nur mit alten Leuten meines Jahrgangs? Das können auch verdammt ruhige Wochen werden …

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