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Wenn du feststellst, dass du ein moderner Heimatloser bist - und es gut so findest

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Was bedeutet eigentlich Daheim?
Während meine Freundin mich über den neusten Stand der Clique bringt, wird mit klar, wie weit ich mich von zu Hause, von diesem Leben entfernt habe. © PORTRA ehf

Heimat ist auch für die Ohren

Es dauert keine zehn Minuten, bis ich wieder im tiefsten Heimatdialekt spreche. Jahrelang unauffällig praktiziertes Hochdeutsch - einfach weg. Plötzlich dehne ich wieder Vokale, betone Satzenden und benutze Wörter, die mein Sprachzentrum gut versteckt, aber offenbar griffbereit hat. Meine Freundin aus der Heimat, die für ein paar Tage über Karneval zu Besuch ist, bringt nicht nur die für meine Ohren vertraut klingende Sprache mit, sondern auch ein ganz bestimmtes Gefühl: Heimat.

Wie Heimweh, nur ohne Sehnsucht

Von Anke Reuter

Während sie mich auf den neuesten Stand der alten Clique bringt - wer erwartet Nachwuchs, wer geht auf Weltreise, wer hat sich als kompletter Spießer entpuppt - wird mir klar, wie weit ich mich von zu Hause, von diesem Leben entfernt habe. Und wie wenig es mich dahin zurückzieht. Es fühlt sich an wie Heimweh, nur ohne die Sehnsucht. Gibt es sowas wie Heim-Nostalgie? Wenn ja, dann ist das auch das Gefühl, das mich überkommt, wenn ich die Autobahnabfahrt nach Hause runter fahre. In die Stadt, in der an jeder Bushaltestelle Leuchtreklame mit meinen selig verzerrten Erinnerungen hängt. Wo sich an jeder Straßenkreuzung Szenen abspielen, in denen jüngere Versionen von mir die Hauptrollen spielen. Wenn ich die lange Hauptverkehrsader den Berg hinab rolle, schalte ich das Navi aus, die alten Wege kenne ich in- und auswendig, ich könnte sie im Schlaf gehen. Schließlich habe ich sie ja auch so kennengelernt: Den Schulweg zum Beispiel habe ich morgens halb sieben fast ausnahmslos im Halbschlaf zurückgelegt.

Heute sieht der tatsächlich noch genauso aus, mit den Rhododendren links und rechts, auf der Wiese dazwischen hocken die Nachkommen der gruseligen Krähen von damals und glotzen feindselig jeden an, der vorbei geht. Was die Spaziergänger hier nicht sehen können und ich dafür umso deutlicher: Mich als Zehnjährige, am ersten Tag auf dem Gymnasium. Ich renne, denn ich bin viel zu spät dran und hab Panik, dass ich nur noch den Platz direkt vor dem Lehrer abbekomme. Als 17-Jährige schleppte ich mich hier mit dem schmerzhaftesten Liebeskummer meines Lebens entlang. Und als 18-Jährige, am letzten Schultag, tanzte ich diesen bescheuerten Weg: Das letzte Mal, immer noch viel zu früh am Morgen, deshalb mit dem festen Vorsatz, ab heute für den Rest meines Lebens jeden Tag auszuschlafen: Ich hab mein Abi in der Tasche, was wollt ihr von mir? Was will ich eigentlich von der Welt?

Aus der Planlosigkeit wurde der Plan, der den Großteil unserer Generation antrieb: Irgendwas, das mir Spaß macht, mich erfüllt, es ging um Selbstverwirklichung statt um den Lebensunterhalt. Und das bedeutete: Weg hier, raus aus der gefühlten Provinz, der erdrückenden Enge des Altbekannten. Als  sogenannte Millennials stürzten wir uns auf die bunte Auslage der Lebenswegoptionen und die führten, statistisch gesehen, ca. 30 von 100 jungen Menschen in die Ferne. In unserer Stadt: im Prinzip jeden. Von meinen damaligen Freundinnen wohnt fast keine mehr daheim.

Bis auf die eine, die gerade eine Flasche Rotkäppchensekt in meine neuen Küche und mein neues Leben stellt. Während ich meinen Wohnsitz in den letzten Jahren insgesamt fünf Mal um mehrere hundert Kilometer in alle Himmelsrichtungen verlagert habe, ist sie nur ein paar Straßenecken weiter gezogen. 'Moderne Heimatlose' las ich neulich in einem Zeitungsartikel und konnte mich von diesem Begriff sehr gut identifizieren. Ich summte 'Wo ich meinen Hut hin häng', da ist mein zu Hause', Udo Lindenberg kennt das auch. Nur, dass ich keinen Hut besitze und auch sonst keinen Gegenstand, mit dem ich mein zu Hause markiere. Ob und wo ich mich zu Hause fühle, ist eine Entscheidung die ich überall fällen kann. 'Zu Hause' habe ich vor langer Zeit von 'Heimat' getrennt.

Diese Trennung hat meine Freundin nie vollzogen. Befürchtet sie nicht, etwas verpasst zu haben? Die Reisen, antwortet sie, kompensieren das Daheimgebliebensein. Und dass es bei all der Reiserei auch schön sei, in ein vertrautes zu Hause, mit vertrauten Freunden und vertrauten Orten, zu kommen. Ich kann sie verstehen, möchte aber nicht mit ihr tauschen. Mir ist es lieber, ab und an auf Heimatbesuch in Erinnerungen zu schwelgen als täglich mit ihnen konfrontiert zu werden. Denn trotz aller Heim-Nostalgie habe ich immer auch den Neuanfang geliebt, die neuen Freunde, die neuen Wege, die neuen Rituale. Nur darum können meine Freundin und ich auch jetzt zu Karnevalsliedern schunkeln, deren Texte ich ihr ins Ohr schreiend übersetze. Und während wir, als Hexe und Elfe verkleidet, wieder gefühlte 17 sind, vermischen sich Heimat und neues Leben und ich fühle mich: Zu Hause.

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