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Wenn die Hormone in der Schwangerschaft die Kontrolle übernehmen

Wenn die Hormone in der Schwangerschaft die Kontrolle übernehmen

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt

Eigentlich wollte ich ja alles anders machen. Wenn ich einmal schwanger bin, werde ich die coolste Mummy-to-be, die die Welt je gesehen hat: Esse nur Gesundes, schiebe meine Kugel mindestens jeden zweiten Tag ins Fitness-Studio, und vor allem werde ich mich von den fiesen Schwangerschaftshormonen nicht unterkriegen lassen! Wäre doch gelacht, wenn ich das nicht hinkriege!

Von Linda Görgen

Nee, ist klar. Denn heute weiß ich: Vorschwangerschaftliche Vorhaben sind ungefähr so gehaltvoll wie meine neue beste Freundin, die übergroße Vollmilchschokolade aus dem schwedischen Möbelhaus – ÜBERHAUPT NICHT.

Da hänge ich nun tränenüberströmt an meinem Mann, der mit gepacktem Koffer und bereits einer halben Stunde Verspätung versucht, die Wohnung zu verlassen, weil er für zwei Tage geschäftlich verreisen muss. "Fahr nicht! Wenn dir was passiert, stehe ich mit dem Kind allein da. Lass uns nicht allein!" Schluchz. Ja nee, ist klar. Klaren Kopf bewahren. Klappt ja super. Nicht nur, dass ich mit meinem Tränen-Mascara-Tsunami gerade das Hemd meines Mannes ruiniert habe – der arme Kerl kommt nun auch noch zu spät zu seinem Termin und überlegt wahrscheinlich gerade, ob er die Geschäftsreise nicht noch um ein paar Tage verlängern kann. Zu viele Hormone in einer zu kleinen Wohnung. Übelnehmen könnte ich es ihm nicht.

Sonst bin ich eigentlich ganz nett...

Wäre ja top, wenn ich die Zeit nun nutze, um im Fitness-Studio meinen Kopf frei zu kriegen und den fiesen kleinen Schokoladenkalorien keine Chance gebe, sich auf meinen sowieso plötzlich anders aussehenden Hüften festzusetzen. Was sind das eigentlich für Frauen, die keine Gelegenheit auslassen, sich öffentlich über ihre wunderschönen Schwangerschaftskurven zu freuen? Entweder verschwinden sie in der restlichen Zeit ihres knöchrigen Lebens in Size Zero, oder die Idee, bald ein neues It-Piece in einem hippen Kinderwagen herumzuschieben, hat ihnen das letzte Quäntchen Verstand geraubt. Sorry, Victoria, Heidi und Co., die Hormone! Sonst bin ich eigentlich ganz nett.

Aber egal, zum Sport wollte ich ja sowieso wieder öfter. Seit ich den positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt, habe ich nämlich eine Vielzahl von Gründen gefunden...ähem...nicht ignorieren können, warum ich das Studio besser meiden sollte. Mal ehrlich, wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem.

Fakt ist: Die Sorge, dem kleinen Zellknäuel könnte in den ersten zwölf Wochen etwas passieren, war im ersten Trimester mein ständiger Begleiter. Zu sehr hatte ich dieses sesamkorngroße Mäuschen bereits in mein Herz geschlossen. Nachdem mich meine Gynäkologin nun aber mit den Worten beruhigt hatte: "Das hat es sich schon bequem gemacht, das werden Sie jetzt nicht mehr los", war mir nicht nur schnell klar, dass es der Mama schon sehr ähnlich ist, sondern dass meine Schonzeit endgültig vorbei ist. Ich werde wieder jeden zweiten Tag auf dem Crosstrainer schwitzen, während Guido mir auf dem Mini-TV am Gerät aus der Seele spricht. Keine Ausreden mehr! Basta!

Aber sowas Blödes, ich stelle gerade fest, dass ich ja jetzt ein neues Sport-Outfit brauche! In das Alte passe ich bestimmt nicht mehr hinein. Also dann ab morgen Sport. Geht ja nicht anders. Essen muss ich jetzt nämlich auch dringend etwas. Durch den Gefühlsausbruch bin ich ganz zittrig. Natürlich gibt es was Gesundes. Schokolade macht ja schließlich glücklich. Und das kann ja nur gesund sein.

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