Weltfrauentag 2012: Was hat es uns gebracht?

Weltfrauentag 2012: Was hat es uns gebracht?
Weltfrauentag 2012: Was hat es uns gebracht? © dpa, Robert Schlesinger

Sinnlose Aktionen zum Weltfrauentag?

Am Donnerstag war Weltfrauentag, der 101. seit dem Jahr 1911. Und was ist geschehen? Wie üblich verteilten landesweit Betriebsräte Rosen an weibliche Beschäftigte. Die 'Bild' gab allen Frauen frei und schaffte gönnerhaft die nackte Mieze auf Seite eins ab (die Nackten erscheinen nun in den Innenteil des Blattes). Linken-Politiker Gregor Gysi ging derweil in einem Kindergarten schuften. Im Nachbarland Österreich ließ der ORF alle Sendungen von Frauen moderieren. Sie finden solche Aktionen eher öde und sinnlos? Die meisten sind es auch.

Von Christiane Mitatselis

Dabei war der Weltfrauentag ursprünglich alles andere als langweilig. Als ihn Clara Zetkin und ihre Mitstreiterinnen Anfang des 20. Jahrhunderts erfanden und durchsetzten, kämpften sie für das Frauen-Wahlrecht, das in Deutschland 1919 eingeführt wurde. Ohne diese Pionierinnen wären Frauen heute weniger frei, so viel ist sicher. Die Streiterinnen der 68er Generation leisteten ebenfalls Grundlagen-Arbeit. Ohne sie könnten Frauen heute nicht so selbstbewusst tun, was sie wollen. In den 60er Jahren war es für eine geschiedene Frau mit Kindern beispielsweise sehr schwer, eine Wohnung zu finden, denn sie wurde als unehrenhaftes Wesen betrachtet.

Trotz 101. Weltfrauentag gibt es noch viel zu verbessern

Solch kruden Vorurteile sind dank des Kampfes der Feministinnen weitgehend verschwunden. Im Jahr 2012 können Frauen nun zwar, wie gesagt, tun, was sie wollen. Gleichberechtigt sind sie aber lange noch nicht. Vor allem in der Arbeitswelt sieht es düster aus. In dieser Woche kamen Zahlen heraus, die zeigen, dass Deutschland in Sachen Lohndiskriminierung in Europa führend ist. 21,6 Prozent weniger Geld als ihre männlichen Kollegen bekommen Vollzeitbeschäftigte hierzulande.

Erschwert wird den Frauen das Berufsleben außerdem immer noch dadurch, dass nur für 18 Prozent der bis zu zwei Jahre alten Kinder Betreuungsplätze zur Verfügung stehen. Hier stößt man auf das nächste Problem: In den zu wenigen Kitas arbeiten vor allem Frauen. Der Beruf der Erzieherin ist mit monatlich etwa 1.200 Euro netto so schlecht bezahlt, dass Männer ihn kaum ergreifen. Zudem sind in Kitas Vollzeitstellen rar. Viele Erzieherinnen gehen mit 800 Euro oder weniger im Monat nach Hause.

Gregor Gysis Einsatz in der Berliner Kita war deshalb noch die sinnvollste Weltfrauentag-Aktion, denn er ging dort hin, wo Frauen kontinuierlich benachteiligt werden. Andere typische Frauenberufe wie Krankenschwester oder Frisörin sind in Deutschland ebenfalls viel zu schlecht bezahlt.

Und nun? Da in der Politik keine ernsthaften Versuche unternommen werden, die Missstände zu bekämpfen, sollten sich die deutschen Männer ihre russischen Geschlechtsgenossen zum Vorbild nehmen. Dort ist der Weltfrauentag eine Art Valentinstag, an dem die Herren ihren Frauen oder Freundinnen mit Präsente im Wert von durchschnittlich 72 Euro beglücken – sehr hübsch! Geschenke sind besser als leeres Gerede.

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