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Weil er Vater ist: Mister Mecklenburg-Vorpommern muss seinen Titel zurückgeben

Denny Kambs war Mister Meckelnburg-Vorpommern.
Denny Kambs als (Ex-) Mister Mecklenburg-Vorpommern. . © Instagram/denny_kambs

Jetzt reicht es auch bei Männern nicht mehr, einfach nur schön zu sein

Mister Mecklenburg-Vorpommern darf nimmer mehr Mister Mecklenburg-Vorpommern sein. Der Grund: Er hat ein Kind. Hier drängt sich natürlich die Frage nach dem "na und?" auf – worauf die Miss Germany Corporation (MGC), Veranstalterin der missglückten Wahl, eine einfache Antwort hat: Wer an unseren Miss- oder Misterwahlen teilnimmt, muss familiär ungebunden sein. Egal, ob Mann oder Frau. Ein spannender und zugleich schillernder Gedanke, den wir an dieser Stelle gerne für alle Berufstätigen zu Ende denken möchten.

Von Ursula Willimsky

Wir starten mit einem kurzen Ritt durchs Kleingedruckte: Bei MGC und auch beim Konkurrenzunternehmen MGO (Miss Germany Organisation) dürfen Fräuleins, die Miss Germany/Miss Deutschland werden wollen, weder verheiratet noch Mutter sein. So weit, so gleich.

Bei den Männern unterscheiden sich die Regularien: Bei MGO müssen Bewerber für den Titel 'Mister Deutschland' zwischen 18 und 35 Jahre alt sein und die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Bei MGC sieht es ähnlich aus (Alter: 16 bis 29, deutsch, keine Nacktbilder), aber hier findet sich noch die Einschränkung: Ledig, keine Kinder.

Diese Einschränkung ist neu – eine Gleichstellungsbeauftragte hatte MGC auf die Ungleichbehandlung von Mann und Frau aufmerksam gemacht. Und irgendwie ist bei dem ganzen Trubel der aktuellen Mecklenburg-Vorpommern-Wahl untergegangen, dass Denny Kambs brav angegeben hatte, dass er eine Tochter hat. Immerhin gehört er damit zu den wenigen Männern, für die ein Kind ganz offiziell ein Karriere-Hindernis ist – was für ihn vermutlich nur ein schwacher Trost sein dürfte.

Tolle Idee für alle Berufe

Mindestens genauso spannend finden wir die Frage, wieso denn nun so ein Kind – oder auch zwei oder drei – das absolute Ausschlusskriterium sind. Der 'Süddeutschen Zeitung' sagte die MGC-Geschäftsführerin, familiäre Unabhängigkeit sei wichtig, weil die Siegerinnen für ein Jahr ihren Beruf aufgeben und als Miss zur Verfügung stehen müssten. Diese Regelung gilt nun eben auch für Männer.

Wo soll das hinführen? Es ist ja anzunehmen, dass Miss und Mister Germany Geld bekommen für all die Model-Termine, für die sie zur Verfügung stehen müssen; sonst würden sie es ja nicht machen. Insofern sind sie ja irgendwo immer noch berufstätig.

Wenn nun aber das Model-Modell Schule macht: Bedeutet das dann, dass künftig nur noch Menschen arbeiten dürfen, die familiär ungebunden sind? Papa geht auf Dienstreise: Undenkbar. Papa arbeitet nicht mehr, seit er Papa ist. Mama muss heute länger im Büro bleiben: Genauso undenkbar. Mama hat ja ein Kind, ist damit familiär gebunden und kann nicht lange von zu Hause wegbleiben.

Hmm. Eigentlich ein total schöner Gedanke! Arbeitgeber, die darauf achten, dass ihre Jobs keine Familien über Gebühr belasten. Mütter und Väter, die nur noch Stellen annehmen (dürfen), die mit ihrem Familienleben und mit dem Wohl ihrer Kinder vereinbar sind! Was das dann für Jobs sind und wer statt ihrer die ganze Arbeit erledigen und all die Familien ernähren soll, darüber sollen sich aber bitteschön die Politiker Gedanken machen; wir wissen es nämlich nicht.

Durch unsere Köpfe huschen dafür noch ein paar andere Überlegungen, die das Zeug zum sozialen Sprengstoff haben. Die Frage, wieso überhaupt noch zwischen Miss und Mrs unterschieden wird, lassen wir offen. Lieber legen wir den Fokus auf die Frage, wieso ein Galaauftritt im Luxus-Hotel nur geht, wenn man familiär ungebunden ist – die Spätschicht an der Supermarkt-Kasse aber durchaus für Frauen mit allen möglichen familiären Bindungen zumutbar ist. Oder die Frage, ob Eltern wirklich nicht in der Lage sind, selbst zu entscheiden, ob sie das Leben, für das sie sich bewerben, mit ihrem Privatleben in Einklang bringen können oder nicht.

Die Gewinnerinnen der Mrs. Germany-Wahl bekommen das ja auch irgendwie auf die Reihe. Genauso wie Arbeiter im Schicht-Dienst oder Angestellte mit vielen Abendterminen. Ob Denny Kambs - der Mann, der nur ein paar Stunden der Schönste Mecklenburg-Vorpommerns war - sich vor seiner Wahl darüber viele Gedanken gemacht hat, wissen wir nicht. Der Presse entnehmen wir jedoch, dass der Schöne Stand Up-Paddler ist und seinen Körper derzeit im Trainingslager auf Fuerteventura stählt. Inwiefern das mit seinen familiären Bindungen vereinbar ist? Wir bleiben dran, und fragen mal bei anderen familiär gebunden Spitzensportlern und Vollzeit-Berufstätigen nach. 

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