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Weihnachten allein: Immer mehr ältere Menschen sind Weihnachten einsam

Kümmern wir uns zu wenig um die ältere Generation?

Gerade erst feierten wir den ersten Advent und wie immer wird es nicht mehr lange dauern, bis auch das Fest der Liebe vor der Tür steht. Und damit die Planung wie und mit wem man feiert. Allein mit den Kindern, mit den eigenen alten Eltern? Mit Freunden? Fakt ist, immer mehr Menschen sitzen am 24. Dezember allein unter dem Weihnachtsbaum und viele von ihnen sind Senioren.

Weihnachten allein: Senior guckt traurig
Weihnachten allein: Der TV-Spot ist leider bittere Realität

Von Merle Wuttke

Eine große Supermarktkette, die schon einmal mit einem Werbespot für Furore sorgte – Stichwort 'supergeil' – zeigt in diesen Wochen ebenfalls wieder eine TV-Werbung, die Eindruck hinterlässt: Ein alter Mann, um die 70, verbringt jedes Jahr das Weihnachtsfest allein, weil seine erwachsenen Kinder es nicht schaffen, ihn am Fest der Liebe zu besuchen. Schließlich trifft bei ihnen allen am nächsten Heiligabend nur noch die Nachricht von dem Tod des Vaters ein.

Also machen sich alle Kinder samt Enkelkinder zur Beerdigungsfeier auf, und beim Eintreffen im alten Zuhause stellt sich heraus, der Tod des Vaters nur fingiert war – es war seine einzige Möglichkeit die Familie endlich mal wieder zu sehen. Krass? Kann sein. Allerdings ist laut einer Umfrage des 'Senioren Ratgebers' unter 2.000 Befragten herausgekommen, dass mehr als 15 Prozent der über 70jährigen Weihnachten allein verbringen. Entweder, weil der Partner fehlt, die eigenen Kinder zu weit weg wohnen oder mit der Familie feiern oder weil es gar keine Kinder gibt.

Und man kann sich leicht ausrechnen, dass der Anteil von ihnen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch steigen wird – wir mitten schon jetzt im demografischen Wandel, die Gesellschaft überaltert zunehmend, viele Menschen bleiben kinderlos und die wenigen Kinder, die noch geboren werden, bleiben meistens Einzelkinder.

Man die Möglichkeiten sehen und wahrmachen

Sprich, die Möglichkeiten ältere Menschen sozial aufzufangen sind begrenzt. Dass sich eine Gesellschaft so wenig für seine Senioren interessiert, ist im Übrigen oft ein Phänomen westlicher Gesellschaften, in denen die traditionelle Familie seit Jahrzehnten erodiert. In Asien und Afrika, wo man älteren Mitbürger mit größerem Respekt begegnet, gilt es nach wie vor zum größten Teil als selbstverständlich den Alten zu helfen und zur Seite zu stehen, sie nicht auszuschließen. Deswegen schicken viele Deutsche ihre kranken, alten Eltern ja auch nach Thailand – weil sie wissen, dass man sie dort liebevoll pflegt (abgesehen davon, dass es weniger kostet).

Doch weil wir alle soziale Wesen sind, kann Einsamkeit bei uns dazu führen, dass wir krank und depressiv werden. Oder zu drastischen Mitteln greifen, um unter Menschen zu sein. Regelmäßig berichten Ärzte von alten Leuten, die am Heiligabend den Notarzt rufen, weil sie sich sterbenskrank fühlen – in Wirklichkeit wollen sie lieber das Fest im Krankenhaus verbringen als allein.

Wir als Gesellschaft müssen uns also in Zukunft verstärkt darüber Gedanken machen, wie wir unsere Alten nicht nur würdig pflegen, sondern uns auch um ihre Seelen kümmern. Vielleicht ist gerade Weihnachten genau die richtige Gelegenheit dafür – im Übrigen auch, wenn man zu den eigenen Eltern nicht das unkomplizierteste Verhältnis pflegt. Vielleicht muss man gerade an diesen Tagen über den eigenen Schatten springen und alte Wunden alte Wunden sein lassen und einfach den Gedanken pflegen, dass man sich umeinander kümmert.

Es muss ja auch nicht gleich für drei volle Tage sein. Aber man reißt sich keinen Zacken aus der Krone, wenn man die Eltern, die Oma oder die Schwiegereltern einen Abend zu sich einlädt. Dann kann man selbst den Rahmen bestimmen, wie man feiert und fühlt sich weniger in die Rolle des Kindes gedrängt. Oder man überlegt sich, ob man die alte Nachbarin, die jedes Jahr allein ist, einfach zum Weihnachtsessen zu sich hinüber bittet – eine kleine Geste mit großer Wirkung. Man könnte auch mit den Kindern am Nachmittag vorbei kommen, bevor die eigentliche Bescherung losgeht, und ein paar Weihnachtslieder zusammen singen. Es gibt unendliche Möglichkeiten – man muss sie nur sehen und wahrmachen.

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