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Was ist Liebe? Die Geschichte der Liebe

Geschichte der Liebe
Geschichte der Liebe © WavebreakMediaMicro - Fotolia

Was ist Liebe? Das schönste Gefühl der Welt?

Weihnachten naht - das Fest der Liebe. Nie wird über sie mehr gesprochen als in dieser Zeit. Denn die Menschen besinnen sich jetzt auf das wirklich Wesentliche: Die Liebe ist die schönste Empfindung, derer wir fähig sind. Nur: Was ist das eigentlich - Liebe? Ein Gefühl, ein Trieb, eine Philosophie, eine Religion?

Liebe hat viele Gesichter: Wir verlieben uns in ein Grübchen auf der Wange, in ein Lachen. Liebe - sie kann bewirken, dass ein einziger Mensch zum Mittelpunkt des Universums wird. Wir lieben die Sonne, wenn sie uns mit ihren Strahlen die Stirn streichelt. Wir lieben unsere Kinder, Gott, Allah, Jesus, unsere Freunde, die Eltern. All das nennen wir "Liebe".

Sie ist ein Mysterium, um dessen Erklärung die menschliche Vernunft seit jeher ringt. Liebe ist... etwas, das jeder kennt und jeder anders deutet. Wie, wen und warum wir lieben, hängt ab von Sitte und Brauch, Religion und Gesetz, Literatur und Kunst. Eben von der Gestalt, die wir der Welt verleihen - und als Kultur bezeichnen.

In den Anfängen des abendländischen Denkens - zu Platons Zeiten (428 bis 347 v. Chr.) - hatte die Liebe kultische Bedeutung. Liebesgötter wie Aphrodite und Artemis symbolisierten den Kreislauf von Leben, Tod, von Fruchtbarkeit und Vergänglichkeit. Die Liebe zwischen den Geschlechtern galt als Wegweiser zum Göttlichen, dem man im Zustand körperlicher Hingabe begegnen konnte, in Lust, Ekstase. Liebesgott Eros brachte den Menschen zurück, was sie vor langer Zeit verloren hatten: Harmonie.

Nach Auffassung der Griechen existierten nämlich ursprünglich drei Geschlechter: Mann, Frau und eine Art Zwitter-Wesen. Diese waren so perfekt, dass sie den Neid der Götter erregten. Zeus schnitt sie wütend entzwei. Unermüdlich suchten fortan Mann und Weib nach ihrer fehlenden Hälfte - getrieben von ihrer Sinnlichkeit.

Das ist die eine Liebe, die die Griechen kennen. Die wahre Liebe aber, sagt Platon, hat nichts mit Sexualität zu tun. Sie sei nicht körperlich. Als Geisteshaltung befähige sie zur Kunst, Philosophie und Staatsführung. Und: Sie gebe es nur zwischen Männern! Die "platonische Liebe" ist also eigentlich homosexuell.

Das jüdisch-christliche Menschenbild hat sich von dieser Tradition in den Jahrhunderten nach der Zeitenwende vollkommen entfernt. Aphrodite und Eros verschwanden aus den Tempeln, in der christlichen Kirchenmalerei wurden aus ihnen die reine Jungfrau und die sündige Eva. Nach christlichem Verständnis gehört die Liebe - neben Glaube und Hoffnung - zu den drei größten Tugenden. Die sinnliche Liebe aber geriet in Verruf. Sie wurde zur Sünde, sogar in der Ehe! "Der Ehestand ist eine fromme, heilige Verbindung, für die sich Lust nicht ziemt" schreibt der französische Moralist Montaigne im 16. Jahrhundert. Reine Liebe wird einzig die Liebe zu Gott.

Doch wohin mit Gefühlen? Sie verschwanden zwar aus dem öffentlichen Leben - nicht aber aus den Herzen. Gegen die Sehnsucht nach Leidenschaft kommt kein Dogma an. Von den Menschen des Mittelalters fanden die wenigen Lesekundigen - die Kleriker und die Adligen - sie in der Dichtung, nannten sie "Minne". Tristan und Isolde, eines der berühmtesten Liebespaare der Weltliteratur, erzählen davon. Tristan soll Isolde als Braut für seinen König werben. Er verliebt sich in sie, sie begehen Ehebruch, Verrat. Diese Art von leidenschaftliche Liebe heißt bei den Franzosen "Amour fou" - verrückte Liebe. Sie kommt wie eine Naturgewalt, ist fordernd, nimmt keine Rücksicht auf andere.

Die Epoche der Romantik (1795-1835) sorgte dafür, dass der christlichen Strenge auch in breiteren Schichten wieder Leidenschaft und Hingabe entgegengesetzt wurden - zumindest in Kunst und Literatur. Immer mehr Menschen konnten lesen. Dennoch waren den meisten im 18. und 19. Jahrhundert diese Gefühle im richtigen Leben verwehrt. Denn Ehen galten als wirtschaftliche Zweckgemeinschaften. Liebe in der Ehe - undenkbar!

Die Lust wurde außerhalb gesucht. Weil die Leidenschaft ohnehin immer von einer Prise des Unbekannten zehrt. Die Idee, dass Liebe der Grund für eine Ehe sein soll, ist relativ jung, ist erst nach der Industrialisierung entstanden. Es gibt heute noch Kulturen, in denen Verliebtheit als beklagenswert gilt. Ein Stamm in den Bergen des Irans beispielsweise verspottet alle, die sich verlieben.

Was ist Liebe im 20. Jahrhundert?

Im 20. Jahrhundert haben viele Hindernisse, die die Liebe wie ein Korsett einschnürten haben, nach und nach ihre Macht verloren. Standesunterschiede, Tabus spielen immer weniger eine Rolle. In den späten 60ern singen die jungen Deutschen das hohe Lied der freien Liebe, wird Sex gar zum Allheilmittel gegen gesellschaftliche Missstände und persönliche Neurosen. Doch mit den Fesseln der moralischen Konventionen verliert der Mensch auch seine Orientierung. Die Liebe - sie wird eine "Beziehungskiste" mit 1.000 Fragen. Heiraten oder nicht? Zusammen oder getrennt leben? Mit Kindern oder ohne? Treu sein - oder sich auch in einer festen Bindung den "Kick" von außen holen? Nichts ist mehr selbstverständlich, alles wird möglich...

Und wo stehen wir heute, im 21. Jahrhundert? Fest steht, trotz dramatischer Scheidungsraten und Millionen von Singles: Weihnachten träumen alle von einer Liebe, die ewig währt. Dieser Traum hat den Gang der Geschichte immer ignoriert - heute wie vor tausend Jahren.

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