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Wann ist der Mensch tot: Hirntod gleich Tod?

Wann ist man eigentlich tot?
Über die Definition von Tod sind sich Mediziner, Ethiker und Theologen nicht immer einig. © contrastwerkstatt - Fotolia

"Hirntote Menschen sind lebende Organismen"

In Zeiten, in denen es noch keine Beatmungsgeräte gab, galt der Mensch als tot, wenn er kalt und steif war. Doch seit nach dem zweiten Weltkrieg Geräte entwickelt wurden, die die Atmung und den Kreislauf aufrechterhalten können, musste man sich die Frage nach der Definition des Todes neu stellen. Ist man tot, wenn das Herz nicht mehr schlägt und die Atmung aussetzt oder wenn das Gehirn tot ist?

Hört das Herz auf zu schlagen, kann man es manchmal mit der Herzmassage oder mit einem Defibrillator wieder zum Schlagen bringen. Bei einem Atemstillstand kann der Mensch durch Beatmungsgeräte wieder beatmet werden. Versagen diese Hilfeversuche, wird der Tod festgestellt – das nennt man Individualtod. Stirbt dagegen das gesamte Gehirn ab, gibt es keine Möglichkeit, es wieder zum Leben zu erwecken – man spricht vom klinischen Tod, auch wenn andere Organe dank spezieller Geräte noch funktionieren.

Naturwissenschaftlich-medizinisch wird der Tod des Menschen mit dem Hirntod festgestellt. Darunter versteht man den unumkehrbaren Ausfall der Gesamtfunktion von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm. Das unterscheidet Hirntod von anderen Schädigungen des Gehirns wie etwa Koma oder Wachkoma, bei denen nur Teile des Gehirns betroffen sind.

Wie stellen Ärzte den Hirntod fest?

Bevor jemand für hirntot erklärt wird, muss er von zwei dafür qualifizierten Ärzten unabhängig voneinander untersucht werden. Diese Ärzte dürfen im Falle einer Organspende weder an der Organentnahme noch an der Übertragung der Organe beteiligt sein. Bei der Untersuchung müssen sie nach einem bestimmten Protokoll vorgehen und ihre Ergebnisse dokumentieren. Folgende Tests führen die Ärzte durch, bevor sie den Hirntod feststellen:

• Ausfall des Pupillenreflexes

Leuchtet man mit einer Lampe in die Augen, verengen sich normalerweise die Pupillen. Bei einer Hirnschädigung bleiben die Pupillen starr.

• Ausfall des Hornhautreflexes

Normalerweise schließen sich die Augenlider automatisch, sobald die Hornhaut berührt wird. Bei einer Hirnschädigung bleiben die Lider offen.

• Fehlen des Würge- und Hustenreflexes

Berührt man die Hinterwand des Rachens, wird ein Würgereflex ausgelöst. Fehlt diese Reaktion, ist es ein Zeichen für eine Hirnschädigung.

• Fehlende Schmerzreaktion im Gesicht

Der Mensch hat im Gesicht Nerven, die sehr empfindlich sind. Reizt man einen bestimmten Gesichtsnerv, reagiert ein Mensch mit einer Muskelzuckung – nicht im Falle einer Hirnschädigung.

• "Puppenkopf-Phänomen"

Wenn man den Kopf eines bewusstlosen Menschen bewegt, bewegen sich die Augen in die Gegenrichtung. Liegt jedoch ein schwerer Hirnschaden vor, bewegen sich die Augen nicht – wie bei Puppen. Dieser Test ist einer der wichtigsten für die Erkennung eines unumkehrbaren Hirnschadens.

Fallen alle genannten Reflexe aus, werden weitere Untersuchungen durchgeführt: der Test auf den Ausfall der Spontanatmung, die Untersuchung der Gehirndurchblutung mit Ultraschal und radioaktiven Markern sowie die Bestimmung der elektrischen Hirnaktivität mittels EEG. Fehlen auch diese Merkmale, wird nach einer vorgeschriebenen Beobachtungszeit der Hirntod festgestellt.

Über die ethischen und medizinischen Aspekte des Hirntodes als 'Todesmerkmal' kann man streiten. Nicht zuletzt, weil das Herz von hirntoten Menschen noch weiterschlagen und hirntote Schwangere sogar Babys austragen können. Hirntote Menschen können außerdem ihre Körpertemperatur selbst regulieren, ihre Verdauung funktioniert noch und sie können Infektionen abwehren. Daran, dass Tod und Hirntod dasselbe ist, zweifeln viele Wissenschaftler schon seit Jahren, darunter auch der Neurologe Prof. Dr. Alan Shewmon aus den USA. "Hirntote Menschen sind zwar schwer behinderte und total abhängige, aber definitiv noch lebende Organismen", so Shewmon. Womöglich ist die derzeit gültige Definition des Todes nicht die endgültige.

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