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Wandern mit Kindern: So hat die ganze Familie Spaß

Mit Kindern wandern: So hat die ganze Familie Spaß
Mit Kindern wandern © picture-alliance/ dpa, Eduard Soeffker

Wanderurlaub: Auch mit Kindern kann man wandern

Wandern ist voll im Trend. Gerade jetzt im Herbst packt viele die Lust auf eine Wanderung, naja, oder zumindest auf einen ausgedehnten Spaziergang durch raschelndes Laub. Auf in die Stiefel und einfach losmarschiert! Klappt, wenn man allein unterwegs sein will. Schwierig wird es meistens erst, wenn man vorher noch die PC-Potatoes aus der eigenen Familie überreden muss.

Wie bloß bekomme ich meine Kinder ans Laufen? Und wie bringe ich sie dazu, mehr als 100 Meter am Stück (und am besten: ohne zu Murren!) zurückzulegen? Darüber haben wir mit dem Buchautor Gerhard von Kapff gesprochen. Der muss es wissen, denn er ist mit seinen 8- und 10-jährigen Söhnen zu Fuß über die Alpen gewandert. Über 550 Kilometer und 22.000 Höhenmeter hat die Familie dabei bewältigt.

554 Kilometer zu Fuß - mit einer Familie, in der bisher selbst der Aufbruch zum sonntäglichen Spaziergang ein Kampf war. Die Familie - auch Mutter Sibylle war mit von der Partie - war alles andere als wander- geschweige denn bergbegeistert. Doch von Kapff setzte sich durch. Weil er unbedingt einmal eine lange Tour gehen wollte, aber andererseits nicht so lange von seiner Familie getrennt sein wollte. Im Endeffekt siegte ein nicht ganz demokratisches Argument: Das väterliche "Basta. Das-machen-wir-jetzt-einfach."

Wandertour mit Kindern: "Das machen wir einfach"

Und los ging's. Mit viel "Wie weit ist es noch?"-Gejammer und viel "Sind wir gleich da?"-Genöhle. Mit unglaublichen Muskelkaterschmerzen, die gerade die Erwachsenen in einen Zustand der Bewegungsunfähigkeit katapultierten - während die auf der Strecke noch erschöpften Kinder noch zum Entspannen ein Ründchen Fußball spielten. In seinem Buch "Mit zwei Elefanten über die Alpen. Eine Familie wandert von München nach Venedig" schildert der 41-Jährige sehr lustig und eindrucksvoll, wie nervig so eine Tour mit Kindern sein kann - und wie wunderschön.

Sein vielleicht wichtigster Tipp, um Faulen Beine zu machen: Am besten das dröge Wort "Wandern" von vorneherein vermeiden. Dafür die Kinder mit spektakulären Zielen am Ende der Route ködern: "Bei uns war das mal eine Eishöhle, die wir besichtigen wollten. Oder ein Wellenbad, das am Etappenziel lag. Oder - das geht natürlich nur bei Mehrtages-Touren - ganz lapidar das Versprechen, bei jedem Fastfood-Restaurant am Wegesrand einzukehren."

Kinder brauchen, so seine Erfahrung, eindeutige Ziele, auf die sie sich freuen können. Und ganz nebenher werden sie - und der Rest der Familie - auch noch mit unvergleichlichen Erlebnissen belohnt. Mit einem ganz ruhigen, innigen Abend auf einer Bergkuppe oberhalb der Hütte zum Beispiel, bei dem man im Sonnenuntergang sinnieren kann. Auch der Deutsche Alpenverein geht in eine ähnliche Richtung: Er rät dazu, Wanderungen mit einem spannenden Motto zu betiteln. "Expedition ins Tierreich" zum Beispiel. Oder "Forschertour zur Quelle". Vorschläge, die nicht nur im Hochgebirge, sondern auch bei der Runde im Stadtpark praktikabel sind.

Wandern: Raum für spontane Erlebnispausen

Wandern: Endlich mal richtig Zeit für die Familie
Endlich mal Zeit für die Familie © jerome berquez

Von Kapff hat auf seiner 35-Tage-Wanderung viel gelernt. Auch, dass man mit Kindern im Gepäck immer bereit sein sollte, seine Pläne umzuwerfen: "Wenn man auf dem Weg etwas sieht, was die Kinder faszinieren könnte - und wenn's nur ein Kiosk mit tollen Kristallen ist, die man alle einzeln anschauen muss - dann muss man denen diese Pause gönnen. Schließlich wandert man ja nicht, um anzukommen, sondern um zu genießen. Wir haben immer wieder ungeplante Zwischenstopps gemacht, zum Beispiel bei einem Bergbauern, der in seinem Hüttchen Milch und Käse verkauft. Da haben wir uns in aller Ruhe hingesetzt und bei einem Humpen Ziegenmilch die Stille der Berge genossen." Es sind diese Momente, die im Kopf und im Herz bleiben. Bei den Kinder und den Eltern.

Es sind aber auch genau diese Momente, die den Zeitplan zerschießen. Wobei man bei Wanderungen mit Kindern die Zeitangaben in Wanderführern und Routenbeschreibungen ohnehin vergessen kann. Die beziffern nämlich die reine Gehzeit - ohne Pippi-Pausen, "Ich-kann-nicht-mehr"-Dramen und Flusskrebsen, die es hier doch garantiert irgendwo geben muss. Der Deutsche Alpenverein rät, den Faktor 1,5 zugrundezulegen. Autor von Kapff würde Anfängern sogar raten, die Etappen einfach zu halbieren: "Dann hat man Zeitpuffer zwischendurch. Und ist so frühzeitig am Ziel, dass auch noch Zeit zum Füße hochlegen bleibt."

Nun ist es bestimmt nicht jedermanns Sache, so wie die Von Kapffs gleich wochenlang durch die Berge zu wandern. Aber auch schon ein ausgedehnteres Nachmittags-Ründchen draußen an der frischen Luft kann die Familie aus ihrem Alltagstrott reißen. Und sie zusammenschweißen. "Plötzlich", so von Kapff, "hat man mal Zeit für all die Gespräche, die sonst irgendwie untergehen. Man erzählt, wie es einem selbst in der Schule ging, die Kinder rücken ihrerseits mit Geschichten aus der Schule raus, die sie sonst nie erzählen würden. Wieso sie mit dem einen Kumpel nicht mehr so gerne spielen, zum Beispiel. Oder wie das mit der einen Mathe-Arbeit damals wirklich war."

Endlich wirklich Zeit für die Familie

Tagestouren bergen allerdings ein Problem, so von Kapff: Man muss am Morgen loskommen und alle motiviert bekommen. "Einfacher ist da oft eine Zwei- oder Dreitagestour. Die Kinder wissen, dass sie ohnehin keine andere Chance haben, als zu laufen - und dann gehen die auch gerne los." Außerdem habe eine Übernachtung auf einer Hütte einen unvergleichlichen Charme und sei auch für die Kinder ein Riesenerlebnis. Das man nicht nur im Hochalpinen haben kann.

Auch die örtlichen Mittelgebirge sind gut bestückt mit Übernachtungshütten. Auf der Internetseite des Deutschen Alpenvereins kann man unter www.dav-huettensuche.de zwischen Allgäu und Weserbergland auf die Suche gehen. In Deutschland, wo es über 200.000 Kilometer an Wanderwegen gibt, dürfte eigentlich für jeden etwas dabei sein. Wichtig ist natürlich auch hier die Vorbereitung - Betten sollten auf jeden Fall im Voraus reserviert werden, auch wenn Mitglieder im Alpenverein ein Anrecht auf einen Übernachtungsplatz haben – aber das kann auch der Boden in der Gaststube sein.

Wer Größeres vorhat als die Umrundung des lokalen Baggersees sollte akribisch planen: Die Route sollte stets vorher gut ausgearbeitet sein. Sie darf keine gefährlichen Passagen enthalten - aber sie darf auch nicht zu langweilig sein, sonst droht ein Streik der Knirpse. Die Ausrüstung muss adäquat sein (nichts schlimmeres, als zwei Tage in nassen Socken rumlatschen zu müssen!). Es muss für Sonnen-, Regen- und Kälteschutz gesorgt sein. Proviant muss gepackt sein - und zu schwer darf der Rucksack trotzdem nicht werden. Weitergehende Ausrüstungshinweise sowie Tipps zur Planung und zu Themen wie "Mit Kindern im Gebirge" finden sich unter anderem auf www.muenchenvenedig.com oder Von Kapffs Seite www.muenchenvenedig.com.

Und wer weiß? Vielleicht weckt ja eine Wochenend-Tour die Lust auf mehr? Wandern kann durchaus zum Familienabenteuer werden. Und irgendwann, wenn man das Ziel erreicht hat, vielleicht nach sieben Stunden, vielleicht nach 35 Tagen, erlebt man ein Gefühl, dass man im Alltag ja viel zu selten hat: Zufriedenheit und Stolz. Von Kapff: "Auch wenn von der Wanderung bei den Kindern nicht allzu viel hängen bleiben sollte - an eines werden sie sich nach unserer München-Venedig-Tour immer erinnern: An das Gefühl, etwas geschafft zu haben, von dem alle am Anfang glaubten, dass es unmöglich ist."

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