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Vorurteile: Warum denken wir so schlecht von Menschen mit Übergewicht?

Vorurteile gegenüber Dicken
Warum hat man Vorurteile? © Fotolia Deutschland

Wir stecken alle voller Vorurteile

Helga guckt in den Spiegel. Früher war sie ein lebensfroher Genussmensch. Heute würde sie sich am liebsten sofort wieder ins Bett verkriechen. Es ist nicht das etwas zu runde Gesicht und die zu gut gepolsterte Taille, die sie verzweifeln lassen. Es sind die abwertenden Blicke und der ständige Vorwurf "Du bist fett, weil du faul und disziplinlos bist!". Solche Vorurteile verletzen nicht nur, sie führen zu ernsthaften Erkrankungen. Das fand jetzt eine Studie der Uni Leipzig heraus. Weil das Fremdbild zum Selbstbild wird. Wie schnell gerät man selber in den Teufelskreis von Vorurteil und selbsterfüllender Prophezeiung?

Von Dagmar Baumgarten

Das fatale an Vorurteilen ist, dass wir sie alle und ständig in uns tragen. So selbstverständlich, das wir es oft gar nicht mehr merken, dass es bloße Meinungen und nicht Tatsachen sind. Das Verführerische an Vorurteilen ist nämlich, dass sie uns das Denken ersparen. Wir sehen Helga mit ihrem Übergewicht und können sie gleich in die Schublade "Dick gleich faul und maßlos - und zwar in jeder Hinsicht!" stecken. Ohne uns damit zu beschäftigen, dass jeder Stoffwechsel anders ist oder sie vielleicht zu viel isst, aber beim Arbeiten disziplinierter als alle anderen schuftet.

Vorurteile sind aber wie Viren. Sie bleiben nicht in unseren Köpfen. Dadurch, dass wir sie weitererzählen oder den Betroffenen damit sogar schikanieren, setzen sie sich auch in anderen Gehirnen fest. Und richten dort enormen Schaden an. Denn das Vorurteil tarnt sich als Fakt. Helga glaubt plötzlich sogar selber, dass sie gierig und faul ist. Im ersten Moment ist sie noch verletzt, wenn sie als "fette faule Kuh!" beschimpft wird. Dann resigniert sie. Ihre Selbstachtung sinkt auf den Nullpunkt. Wie die Uni Leipzig in ihrer Studie festgestellt hat, führt genau das bei den betroffenen Übergewichtigen zu Depressionen.

Wir können nicht auf Vorurteile verzichten

Oft geraten sie in einen Teufelskreis von Frustessen - das führt zu weiterer Gewichtszunahme, die dann weitere Beschimpfungen nach sich zieht. Essen ist längst kein Genuss mehr, sondern Trost, die Hüftringe werden zum Schutzpanzer aus Fett und der Blick in den Spiegel wird zur Qual, weil er ja scheinbar beweist, dass die Vorurteile der anderen stimmen müssen. Die Waage bestätigt es ja auch.

Dieser Teufelskreis aus Vorurteilen, die zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden, gibt es nicht nur bei Dicken. Dasselbe Prinzip greift oft auch bei Kindern aus schwierigen Verhältnissen. Wenn sie nur oft genug hören, das sie ja "Asi- Kinder" sind, benehmen sie sich oft auch so. Nicht nur aus Trotz, sondern weil sie das aufgestempelte Fremdbild für sich übernehmen. Unbewusst verhalten sie sich so, wie es ja scheinbar von ihnen erwartet wird. Wenn man es nur oft genug gehört hat, wird es plötzlich zur Wahrheit.

Wir stecken alle voller Vorurteile. Müssen wir auch. Denn unser Gehirn kann nicht jede Situation neu bewerten. Für uns selber finden wir das ja auch ok. Bei anderen natürlich nicht. Passt uns eine andere Meinung nicht, ist sie selbstverständlich nur ein doofes Vorurteil. Wir stecken dabei in einem blöden Dilemma. Denn auf Vorurteile verzichten können wir nicht, weil wir im heutigen Zivilisationsdschungel nicht mehr alleine auf unsere Instinkte vertrauen können. Wäre ja auch nicht so schlimm, wenn sie nicht die erschreckende Macht hätten, sogar Depressionen auszulösen.

Wir werden sie wohl auch nie ganz los, denn wie Einstein schon sagte: "Es ist schwerer, ein Vorurteil zu spalten als ein Atom!“ Trotzdem sollten wir nie vergessen, dass manchmal auch nur ein Atom-Abstand zwischen Vor- und Fehl-Urteil liegt.

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