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Vor Kindern streiten: An niveauvollen Eltern-Konflikten können Kinder wachsen

„Continuance bitte“ gilt auch beim Ehe-Zoff

Am Wochenende war es wieder so weit: Jemand erzählte, wie hach!-harmonisch es doch bei ihnen zu Hause immer zugeht. Quasi nie Streit. Konflikte werden sachlich und themenbezogen geklärt. Nie fällt ein böses Wort in Gegenwart der zarten Kinderseelen. Worte, die mir zu denken gaben. Bei mir dürfte das Team für die Margarine-Werbung nicht immer unangekündigt drehen: Schlechte Mutter, schlechtes Vorbild, Streitkultur seit der dritten Klasse Grundschule unverändert, und so weiter und so sofort. Aber ich habe mir mal wieder umsonst Sorgen gemacht: Es ist nämlich völlig okay, vor den Kindern zu streiten. Sagen zumindest alle Experten, deren Meinung ich mit selektivem Blick fluggs nachgelesen habe. Wichtig ist jedoch das Wie.

Von Ursula Willimsky

Generell scheint beim Ehestreit in Gegenwart der Kinder FSK 6 zu gelten: Erst ab dem Grundschulalter sind Kinder in der Lage, den Inhalt des Streites zu erfassen, so die Experten-Meinung. Davor besteht die Gefahr, dass sie den Konflikt der Eltern auf sich beziehen und sich schuldig fühlen. So viel Selbstbeherrschung muss also sein.

Aber auch wenn die Brut bereits die Schule besucht, gilt es, Contenance zu wahren. Streiten: Ja. Aber bitte mit Niveau. Beleidigende Schimpfworte sind tabu, ebenso das persönliche Runtermachen des Partners. „Ich ertrag Deine dauernde Faulheit nicht mehr!“ ist also verboten, auch wenn es als gute alte Ich-Botschaft getarnt daherkommt. Aus dem verbalen Schusswaffen-Arsenal sollten auch Verallgemeinerungen entfernt werden. Statt „Wenn´s um eine Verabredung geht, die mir wichtig ist, trödelst du immer rum. Das ist so typisch!“ würde sich also ein erwachsenes „Mich hat geärgert, dass wir gestern zu spät zum Abendessen bei meiner Freundin Susi gekommen sind“ anbieten.

Auch bestimmte Themen sind laut dpa nicht für Kinderohren bestimmt. Dazu gehören existenzielle Geldnöte, Themen, die das Kind selbst betreffen, Trennung sowie Intimes auf der Paar-Ebene. Alles, was sich um Beziehungen dreht, können Kinder erst verstehen, wenn sie selbst eine Beziehung haben. Als völlig indiskutabel gilt es zudem, die Kinder mit in den Streit hineinzuziehen, sie zu instrumentalisieren oder gegen den Partner aufzustacheln.

Durch eine gepflegte heimische Streitkultur jedoch können Kinder lernen, dass „eine bestimmte Grenze nicht überschritten wird. Das heißt, dem anderen respektvoll begegnen und ihn ausreden lassen. Denn diese Muster reproduzieren Kinder später in eigenen Konflikten“, formuliert es dpa. Wie man es allerdings schafft, bei einem Streit dem anderen respektvoll zu begegnen und ihn dann auch noch ausreden zu lassen, wenn man lieber laut zeternd die komplette Sammlung mit seinen Beatles-Schallplatten aus dem Fenster werfen würde? Schwierig. Die konkrete Handlungsanweisung zu diesem Punkt müssen wir uns leider selbst erarbeiten.

Zeigen, dass Schluss mit Streiten ist

Für Mütter/ Paare, deren Konflikt-Kultur noch ein paar Runden im Kommunikations-Karma drehen muss, gibt es aber noch einen Punkt, der wichtig und vor allem machbar erscheint: Die Versöhnung. Die Kinder haben mitbekommen, dass Mama und Papa sich wegen des gelben Sandkasten-Schäufelchens gezankt haben, dann sollen sie auch mitbekommen, dass sie jetzt gerne wieder Vater-Mutter-Kind spielen.

Erwachsen gesagt: Wie sich Konflikte entwickeln, haben die Kinder im Falle eines elterlichen Streits ja beobachten müssen - man sollte ihnen also auch die Chance geben, mitzuerleben, wie eben diese Konflikte gelöst werden. Darin sind sich viele Experten einig.

Mit älteren Kindern könne man offen und konkret über den Streit und seine Beilegung sprechen. Bei jüngeren kann schon eine innige Umarmung der richtige Weg sein, um ganz klar zu zeigen: Wir hatten Zoff, und jetzt verstehen wir uns wieder. Eine zärtliche Geste hier, ein befreiendes Lachen da, vielleicht sogar eine ehrlich gemeinte Entschuldigung – wie man signalisiert, dass jetzt wieder gut ist mit Streiten, weiß jede wahrscheinlich selbst am besten. Die harmonische Wiederannährung glättet die Wogen zwischen den Partnern, kann dem Kind wieder ein Gefühl der Sicherheit geben und schadet vermutlich auch dann nicht, wenn man sich gar nicht sicher ist, ob die Kinder überhaupt etwas vom Ehezwist mitbekommen haben. Merke: Selbst wenn man sich noch so viel Mühe gibt, den Streit zu verbergen und heimlich auszutragen: Kinder haben feine Antennen. Und die dürfen dann auch mal positive Signale empfangen.

Vom Streit der Eltern können Kinder also durchaus profitieren (wir sprechen hier von Streit, nicht von einer dauerhaften Zerrüttung der Paar-Beziehung). Sie können lernen, dass es unterschiedliche Meinungen gibt und dass man darüber aneinandergeraten kann. Sie können lernen, dass und wie man sich anständig einigt und versöhnt.

Die schwierige Aufgabe der Eltern besteht darin, den Kindern durch ihr eigenes Verhalten vorzuleben, dass man zwar für eine Sache streiten darf, dies einem aber nicht das Recht gibt, einen anderen Menschen persönlich anzugreifen. Ein ganz schön üppiges Lernpensum fürs spätere Leben – manchmal hat man durchaus das Gefühl, dass viele Paare in diesem Fach noch ein paar Nachhilfe-Stunden nötig haben. Egal, ob sie Kinder haben oder nicht.

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