SCHWANGERSCHAFT SCHWANGERSCHAFT

Von wegen Still-Demenz: Wenn eine Frau Mutter wird, wächst ihr Gehirn!

So schwierig ist der Alltag für Mutter und Kind
So schwierig ist der Alltag für Mutter und Kind Beim Einkaufen, in der Bahn oder Restaurant 00:02:32
00:00 | 00:02:32

Babys machen Mütter schlau

Was macht Frauen noch schlauer? Klare Antwort: ein Baby. Während der Schwangerschaft und nach der Geburt legen Frauen nämlich nicht nur an den Hüften zu – sondern auch im Gehirn: Da gibt's dann deutlich mehr graue Substanz in manchen Arealen als vorher. Und was ist mit der vielzitierten Schwangerschafts- und Stilldemenz? Surprise, surprise: Die gibt es gar nicht! Sagt die Wissenschaft. Alles nur ein Mythos; eine Fehlinterpretation der Tatsache, dass (werdende) Mamas Wichtigeres im Kopf haben als den aktuellen Aufenthaltsort ihrer Haustürschlüssel.

Von Ursula Willimsky

Mythos Still-Demenz: Stimmt gar nicht!

Da gibt es zum Beispiel die Psychologin Helen Christensen von der Universität Canberra. Sie beobachtete mit ihrem Team Mütter über einen längeren Zeitraum und konnte zu keinem Zeitpunkt Ausfälle bei Gedächtnistests und Konzentrationsübungen feststellen. Ihre Vermutung: Alle reden den Frauen und ihren Partnern ein, dass die Schwangere bald schusselig werden wird. Und dann wird ihr Verhalten eben auch so wahrgenommen.

Dabei verändern die Frauen lediglich ihren Blickwinkel, erklärt Christensen in der Süddeutschen Zeitung: "Ihre Aufmerksamkeit richtet sich vom Beruf weg auf die Geburtsvorbereitung und die Zeit danach - das kann man kaum als ein 'kognitives Defizit' bezeichnen". Dazu noch ein kräftiger Schuss Stress und Müdigkeit: Fertig ist das Trugbild von der vergesslichen Schwangeren und Neu-Mutter.

Unbedingt merken! Lässt sich prima als Antwort anbringen, wenn sich jemand lustig darüber macht, dass ihr die frischgewaschenen Socken in den Kühlschrank geräumt habt!

Emotionaler Brief: Sie gibt ihr Leben für das ihres Kindes
Emotionaler Brief: Sie gibt ihr Leben für das ihres Kindes Mutter erlebt den ersten Geburtstag der Tochter nicht 00:01:27
00:00 | 00:01:27

Wichtige Hirnareale wachsen

Und es kommt noch besser: Mamas werden nicht nur nicht schusselig – sie werden sogar schlauer als zuvor.  Ein Gedanke, auf den die meisten Mütter im Stillen wahrscheinlich ohnehin schon gekommen ist. Er lässt sich aber auch wissenschaftlich untermauern.

So weiß man aus Tierversuchen, dass schwangere Rättinnen (im Duden gibt es dieses Wort nicht, bei Günter Grass schon) und Rattenmütter sich in Labyrinthen besser zurecht finden als Rättinnen, die gerade nicht mit der Familienplanung beschäftigt sind.

Ähnliches gilt auch für Menschen. Wobei die Wissenschaft in diesem Fall einfach das Hirnvolumen von Frauen vermessen hat, statt sie in einer fremden Stadt ohne Stadtplan auszusetzen. Das Institute of Mental Health zum Beispiel maß kurz nach der Niederkunft und ein paar Monate später und fand heraus: Da hatte sich Einiges getan. Die graue Masse war merklich gewachsen – ein Effekt, den man bei Erwachsenen ansonsten höchstens in Phasen beobachten kann, in denen sich jemand intensiv auf eine Prüfung vorbereitet.

Andererseits: Was sind Schwangerschaft und die Zeit nach der Geburt schon anderes als intensivste Lernphasen? Klingt doch alles ganz logisch. Zugelegt haben demnach vor allem drei Bereiche, nämlich: Hypothalamus, Amygdala und präfontaler Kortex. Areale, die für diverse Jobs zuständig sind: Motivation, Gefühle, Erkennen von Gefahren, Problemlösung. Klassische Arbeitnehmertugenden also, die nun halt vor allem für eine superwichtige Sache genutzt werden: Babys Sicherheit und Wohlbefinden.

Wieso sich also selbst kleinmachen, nur weil der persönliche Fokus im Moment eben nicht auf dem nächsten Monatsabschluss sondern auf der Entscheidung zwischen Plastik- und Stoffwindel liegt? Wieso sich selbst als schusselig bezeichnen, nur weil das Leben sich extrem verändert hat und man mit den neuen Aufgaben so beschäftigt ist, dass andere, scheinbar banale Erledigungen auf der Strecke bleiben?

Da ist es doch viel charmanter und schlauer, sich von der Idee der Still-Demenz zu verabschieden. Wir nennen dieses Phänomen jetzt einfach das „Ich konzentriere mich auf die wichtigen Dinge“-Syndrom. Toller Gedanke – auch für Frauen, die kein Kind haben. 

Anzeige