Von der Leyen: Misswirtschaft, Mängel und eine gestoppte Werbekampagne

Von der Leyen wird unbeliebter
Bundeswehr-Chefin Ursula von der Leyen steht in der Schusslinie. © picture alliance / ZB, Karlheinz Schindler

Kampagne voller Klischees für mehr Frauen in der Bundeswehr gestoppt

Bundeswehr-Chefin Ursula von der Leyen steht ganz schön in der Schusslinie: Marodes Material. Schwere Mängel und Misswirtschaft bei Großprojekten. Und mit der Image-Bildung klappt´s auch nicht so ganz. Während die Chefin sich gerne als starke Frau in starker Pose vor starkem Gerät, ääh, naja, … also während die Chefin sich gerne stark präsentiert, fiel eine Kampagne, die Frauen in die Truppe locken sollte, recht schwach aus. Die Werbetruppe blamierte sich mit vielen bunten, schönen Klischees. Inzwischen musste sie sogar notlanden – wegen drohendem Imageschaden.

Von: Ursula Willimsky

Auf Hochglanzbildern sieht man Frauen vor einem Kleiderschrank voll mit Blusen und Blazern, daneben hängt eine Uniform. Nächstes Bild: Eine Frau probiert Schuhe an – und irgendwo zwischen den Pumps steht ein paar der klassischen schwarzen Bundeswehrstiefel. Drittes Bild: eine Frau im Umkleideraum des Fitnessstudios (vielleicht ist es auch der Sportraum der Kaserne) – neben ihr am Haken: ihre Uniform. Viertes Bild: Frau, diesmal bindet sie sich ihre Schuhe. Neben sich im Kofferraum des Kombis: Ein Schulranzen, eine Trinkflasche, eine Uniform. Ja, wer genau gelesen hat, dem ist es aufgefallen: Auf jedem Bild kommt eine Frau vor und eine Uniform. Wir sind also mitten in der aktuellen Werbekampagne der Bundeswehr für mehr weibliche Kräfte bei den Streitkräften.

Obwohl das Wort „aktuell“ bereits veraltet ist. Die Kampagne war nämlich nur einen Tag online. Dann wurde sie gestoppt. Nicht, weil vielleicht ein bisschen zu sehr mit Klischees gearbeitet wurde und das eigentliche – die Arbeit als Soldatin – nicht so ohne weiteres auf dem Bildern zu entdecken war. Sondern angeblich, weil es bei der Freischaltung eine Panne gab. Auf einem Bild mit der schönen Überschrift: „So vielfältig wie Sie: Individuelle Karrieremöglichkeiten für Frauen bei der Bundeswehr“ war nämlich ausnahmsweise keine Frau zu sehen, sondern nur eine Rolle Haushaltstücher. So wird es zumindest kolportiert, auf der Seite selbst kann ja keine mehr nachschauen.

Andererseits: Durch die – unfreiwillig einprogrammierte Panne – ist die Werbestrecke ja eigentlich erfrischend ehrlich und passt sehr schön zum Auftraggeber. Hier mal eine Notlandung, dort ein paar Geräte, die nicht einsatzbereit sind. Hier mal eine Drohne, die fliegen soll oder auch nicht, dort ein paar Papiertücher, die dem Land dienen sollen – so ist das Leben und Arbeiten in der Bundeswehr halt.

Dabei will von der Leyen ja gar keine Wegwerfprodukte in ihren Reihen, sondern mehr motivierte Frauen. Als sie in ihrer Eigenschaft als neue Verteidigungsministerin vor nicht ganz einem Jahr die Ehrenformation abschritt, die ihre neue Chefin in der Bundeswehr begrüßte, war sie die einzige Frau. Bei den 90 Vertretern von Marine, Heer und Luftwaffe war keine Soldatin zu finden, und auch nicht im 50-köpfigen Musikkorps. Etwa 10 Prozent Frauenanteil hat die Bundeswehr (nur 3,4 Prozent davon sind Berufssoldatinnen). 15 Prozent sollen es eigentlich mindestens sein. Um das zu erreichen, versprach von der Leyen unter anderem, dass der Arbeitsplatz Kaserne familienfreundlicher werden sollte: Mehr Familienbetreuung, flexiblere Arbeitszeiten und eine besser planbare Karriere. Punkte, die für Männer und Frauen auf Arbeitssuche interessant sein dürften.

Von der Leyens Beliebtheit im Sinkflug

Die umstrittene Kampagne sollte dieses Ziel unterstützen, beziehungsweise dafür sorgen, dass mehr fähige weibliche Köpfe (von der Leyen: „Wir wollen die besten Frauen und Männer, die ein Jahrgang zu bieten hat“) im Heer Verantwortung übernehmen. Die Bilder – also die offiziellen, nicht die Panne – sind wirklich schön geworden. Eine heile Frauenwelt wird da gezeigt. Gut. Es könnte auch Werbung für einen neuen Schuh- und Klamottenversandhandel sein. Oder eine Fotostrecke zum Thema „Wir sind schön, jung und fahren Kombi, weil wir alle total tolle Mütter sind.“

Rollenklischees halten sich eben. Auch in den Köpfen. Nicht für jede Frau ist der Schuhkauf die Nummer-Eins-Priorität in ihrem Leben - vor allem nicht, wenn es um die Berufswahl geht. Aber dass Frauen in der Bundeswehr auch arbeiten sollen – und dazu gehört unter Umständen ja auch der Einsatz an Waffen oder schwerem Gerät – geht in den eher wellnesslastigen Fotos ohnehin ein bisschen unter.

Dabei hätten sich die Macher doch nur die Chefin selber anschauen müssen: Sie ist zur Zeit ja sehr gerne als starke Frau zu sehen, quasi in direktem Kontrast zur Ausstattung mancher Truppenteile. Die aktuelle Mängelliste lassen wir jetzt mal in der Schublade. Nur so viel (Stand vom September 2014): von 21 Sea King Marine-Hubschraubern können derzeit gerade mal drei fliegen. Von 180 Boxer-Panzern nur 70 fahren. Von 4 U-Booten nur eines abtauchen. Von der Leyens Bilder sind deshalb manchen Kritikern ein bisschen zu viel Pose mit zu wenig dahinter.

Aber was soll die Frau auch machen? Auch wenn es ihre inzwischen gestoppte Kampagne suggeriert: Die Bundeswehr ist keine Kuscheltruppe. Und nicht alles, was in den letzten Jahren schieflief, lässt sich in 10 Monaten umkrempeln und auf den neuesten Stand bringen. Sie selbst nennt das "Problemstau". Und in diesem Stau stockt auch ihre Beliebtheit: Im Januar, also kurz nach ihrem Dienstantritt, glaubten noch 40 Prozent der Deutschen, dass sie als Verteidigungsministerin einen guten Job macht. Heute sind es nur noch 28 Prozent. Uneins sind wir uns allerdings noch, ob in diesem Fall eine neue Werbekampagne helfen könnte – oder ein paar mehr Frauen reichen würden, die in der Bundeswehr ihren Job machen.

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