LIEBE LIEBE

Vom Untergang der Initimität: Warum stellen Paare ihre Liebe öffentlich zur Schau?

Liebesexpertin Birgit Ehrenberg
über den Untergang der Intimität

Vom Untergang der Intimität

Ich interessiere mich nicht nur sehr für die Liebe und welche Entwicklung sie nimmt, als Germanistin beschäftige ich mich auch ausnehmend gern mit den Ursachen, warum manche Wörter einfach aussterben. Das Wort „lieblich“ gehört dazu. Kein Mensch beschreibt heute eine Frau als „lieblich“. Dabei ist das ein treffender Ausdruck für eine Frau, die gleichermaßen hübsch wie freundlich ist und von zarter Gestalt. Und solche Frauen gibt es reichlich.

von Birgit Ehrenberg

Manchmal habe ich Glück und kann zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Dann fallen beide Interessen, das für die Liebe und das für die Wörter, in einem Problem zusammen, weil ich vor einem Phänomen stehe, das die Liebe und das Aussterben eines Wortes gleichermaßen betrifft.

So verhält es sich bei dem von mir sehr geschätzten Begriff „Intimität“. Früher liebten sich die Menschen im stillen Kämmerlein, schon ein Kuss auf der Straße galt als Entgleisung. Die Liebe, eine Beziehung, war etwas zuhöchst Intimes. Wer etwas über das Liebesleben anderer Bürger erfahren wollte, musste sich mit einem Roman begnügen oder später im Verlauf der Weltgeschichte dann mit einem Film.

Heute ist es üblich, dass Promis ihre Partnerschaften öffentlich führen, weil ständig ein Paparazzi zur Stelle ist, der sie ablichtet, während sie sich am Strand räkeln und verträumt den Po ihres Liebsten oder ihrer Liebsten tätscheln. Und wenn es nicht gut läuft und der Haussegen schief hängt, ist garantiert auch ein rasender Reporter anwesend, der diesem Moment festhält.

Auch Nicht-Promis neigen mehr und mehr dazu, von sich aus ihr Liebesleben in die Öffentlichkeit zu zerren, indem sie sich ständig selbst fotografieren und diese Fotos zum Beispiel bei Facebook präsentieren.

Liebe und Intimität, das geht Hand in Hand

Neulich las ich eine Geschichte, die das alles noch toppt. Wenn das alles wahr ist, steht der Untergang der Intimität und damit der Liebe bevor, denn beides gehört meiner Meinung nach zusammen. Hier die Geschichte in einer kurzen Zusammenfassung: Ein Mann soll mit seiner Freundin im Flugzeug Schluss gemacht haben. Das ganze dramatische Schlussmach-Gespräch wurde von einer Frau gehört, die in der Nähe des Paars saß. Sie twitterte sofort jedes Detail. Das Gespräch endete nicht, wie man erwarten konnte, mit Tränen und Verzweiflung. Nein, dieses Paar hat dann alle weiteren Hemmungen verloren und sich quasi sexuell versöhnt. Details dazu sind nicht bekannt, wären sie es, würde ich sie nicht wissen wollen.

Denn: Das geht doch keinen etwas an! Weder die Trennung noch die Versöhnung. Das ist alles intim. Und, wie ich schon sagte, Liebe und Intimität, das geht Hand in Hand. Eine Liebe gedeiht nur, wenn man mit den wichtigen Angelegenheiten der Liebe die Öffentlichkeit scheut! Diskretion ist das Zauberwort!

Ich glaube, dass Menschen, die ihren Emotionen in jedweder Hinsicht ständig freien Lauf lassen, nicht wirklich lieben. Sie ziehen eine Show ab, und es kickt sie ungemein, wenn sie Zuschauer haben. Wahrscheinlich hat sich dieses Paar im Flugzeug nur versöhnt, weil sie mitbekommen haben, dass getwittert wird, was sie gerade anstellen.

Da diesen Menschen die Liebe fehlt, haben sie natürlich auch oft Kummer mit der Liebe, keinen Liebeskummer, sondern ein unbestimmtes Unwohlsein. Aus diesem heraus machen sie Schluss, kommen wieder zusammen, torkeln besinnungslos durch ihr Leben. So wird das nichts mit einer ernsthaften erfüllten Beziehung.

Ich empfehle diesen armen Seelen, zunächst einmal das Alphabet der Liebe zu lernen – mit besonderem Augenmerk auf den Buchstaben „I“. „I“ wie Intimität. Wer dazu beiträgt, dass dieses Wort lebendig bleibt, der trägt zur Entstehung und zum Erblühen und zu Erhalt von wahrer Liebe bei und wird erstaunt sein, wie beglückend sich das anfühlt: Die Liebe mit all ihren Aspekten für sich zu behalten.

In dem Sinne: Bleibt schön privat mit Euren Herzensangelegenheiten! Eure Birgit

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