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Versicherer will unsere Fitness-Daten sammeln

Versicherer will unsere Fitness-Daten sammeln
© dpa, Britta Pedersen

Ein Versicherer will an unsere intimsten Daten

Der erste der großen deutschen Krankenversicherer hat angekündigt, dass es für Mitglieder demnächst Prämien geben soll, wenn sie besonders gesund leben und dies auch nachweisen. ‚Generali‘ möchte zu diesem Zweck Zugang haben zu den Daten, die ein Fitness-Tracker liefert. Versicherte, die per Armband dauerhaft überwachen lassen, ob sie Sport treiben oder sich wenigstens etwas zu Fuß bewegen, sollen Gutscheine, Geschenke und Rabatte bekommen.

Von Matthias Timm

Das klingt zunächst nicht unvernünftig, denn viele Gesundheitsrisiken entstehen durch das Verhalten des Versicherten selbst. Im Umkehrschluss scheint es also gerechtfertigt zu sein, sich einen gesunden Lebensstil vom Krankenversicherer honorieren zu lassen. In zwölf bis 18 Monaten soll der neue Tarif wählbar sein. Auch Autoversicherer experimentieren bereits mit ‚Telemonitoring‘. Hier gibt es einen Billig-Tarif für vorsichtige Fahrer, die ihre Fahrweise von einer im Auto eingebauten Black Box überwachen lassen.

Beim Projekt ‚Fitness-Tarif‘ gibt es jedoch zwei oder drei Probleme und offene Fragen.

Erstens und ganz grundsätzlich ist jede Versicherung eine Form der solidarischen Vorsorge. Das Prinzip ist: Jeder zahlt ein, damit die Mitbürger, die es tatsächlich erwischt, im Ernstfall finanziell abgesichert sind. Wenn die Versicherer jetzt anfangen, die große Menge der Versicherten nach Risikogruppen zu differenzieren, dann werden Schadensfälle oder in diesem Fall Krankheitsfälle von immer weniger Schultern gestützt. Und wenn dann noch einzelne Gruppen weniger Beiträge zahlen müssen, müssen andere dafür mehr zahlen. Am Ende bedeutet das auch: das Ende der Solidarität.

Zweitens sollten willige Fitness-Fans Vorsicht walten lassen. Die Fitness-Tracker der zweiten Generation - die kurz vor der Markteinführung stehen - zeichnen nicht nur auf, wo man wann ist und mit welchem Herzschlag. Sie messen Temperatur und Glukose-Spiegel des Blutes, erkennen Atmung und Stressniveau, sie wissen sogar, ob man gerade joggt oder Volleyball spielt, ob man schläft oder wach ist. All das wird dem Versicherer übermittelt.

Niemand weiß, was dann mit den Daten passiert. Werden sie vielleicht mit den Krankenakten abgeglichen? Erkennt der Versicherer dadurch nebenbei eine Anfälligkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und führt das dann zum Verlust des Tarifs oder zu einer Verschlechterung der Versicherung? Lässt sich möglicherweise anhand des Trackers eine Neigung zu Party-Wochenenden oder zu häufig wechselnden Geschlechtspartnern ableiten? Wird die dritte Generation der ‚Fitness-Armbänder‘ möglicherweise anhand von Schweißproben erkennen, was ich gegessen, getrunken und ob ich geraucht habe? Und wem wird das alles mitgeteilt, außer dem Krankenversicherer?

Der geplante Fitness-Tarif öffnet Tür und Tor zur vollständigen Transparenz jedes Einzelnen. Mein Lebensstil lässt sich am Ende komplett und detailliert bis in die intimste Privatsphäre hinein darstellen. Das widerspricht jeder Auffassung von Freiheit und Datenschutz, bringt uns Marketing bis ins Badezimmer und - ein Argument, das die Krankenversicherer selbst hellhörig machen müsste - ein überwachter Fitness-Tarif erhöht den Stress auf den Einzelnen und ist deshalb per se ungesund!

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