Vergewaltigung: Ist jede dritte US-Soldatin Opfer?

Wie kann es sein, dass anscheinend jede dritte Soldatin von ihren Kollegen vergewaltigt wird?

Sexuelle Belästigung in der US-Armee üblich?

Die US-Armee steht erneut vor einem Skandal. Nach den Folterbildern von Abu Ghraib, dem aktuell aufgetauchten Video aus Afghanistan, auf dem US-Marines auf getötete Taliban urinieren, zeigt nun ein Dokumentarfilm, dass es auch in den eigenen Reihen viele Opfer zu beklagen gibt. Soldatinnen berichten, dass sexuelle Belästigung und Vergewaltigung in der Truppe auf der Tagesordnung stehen.

Von Merle Wuttke

Der blonden jungen Frau rollen die Tränen übers Gesicht, als sie vor der Kamera erzählt, wie sie sich an ihren schlimmsten Tag als Soldatin in der US-Armee erinnert: "Ich schloss die Tür von meiner Kammer und konnte nicht fassen, was gerade passiert war." "Passiert" war eine Vergewaltigung. Durch einen anderen Soldaten. Eine weitere ehemalige Soldatin wurde schwanger, nachdem sich ein Kamerad an ihr vergangen hatte, anderen wurde der Tod angedroht, falls sie jemals etwas von der Tat erzählen würden. Jetzt brechen sie endlich in einem Dokumentarfilm von Filmemacher Kirby Dick ihr Schweigen.

US-Verteidungungsminister: Dunkelziffer ist höher

Denn heute ist es für amerikanische Soldatinnen wahrscheinlicher von Mitgliedern der eigenen Truppe vergewaltigt zu werden als während einer Kriegshandlung zu sterben! Im Klartext: Jede dritte Frau muss damit rechnen, ein Opfer zu werden. Offiziell gemeldet wurden 2011 zwar "nur" knapp 3.000 Fälle von sexueller Belästigung, aber sogar der US-Verteidigungsminister geht von einer weit höheren Dunkelziffer aus und schätzt, dass es jährlich 19.000 Opfer gibt. Die wenigstens von ihnen trauen sich ihren Fall zur Anzeige zu bringen, da es sich bei den Tätern häufig um ranghöhere Soldaten handelt. Sie wollen nicht als "Verräter" gelten und sie haben Angst vor weiteren Übergriffen, denn schließlich müssen vorerst weiterhin jeden Tag ihren Peiniger auf dem Stützpunkt sehen. Mit ihm gemeinsam essen, arbeiten, womöglich noch seine Befehle ausführen. Und viele der Betroffenen trauen ihrer eigenen Justiz nicht. Denn das Militärgericht scheint an einer ernsthaften Verfolgung und Aufklärung der Taten oft nicht wirklich interessiert zu sein. Nur acht Prozent der Fälle werden tatsächlich strafrechtlich verfolgt und in lächerlichen zwei Prozent kommt es zu einer Verurteilung des Täters. Dieses Klima führt dazu, dass Frauen in der US-Armee heute mit einem Messer unter der Bettdecke schlafen.

So schlimm scheint es bei der Bundeswehr lange nicht zu sein, aber auch hier berichten Soldatinnen von Fällen sexueller Übergriffe oder Vergewaltigungen. In einer Studie von 2008 gaben fünf Prozent an, davon betroffen gewesen zu sein. Sehr weit verbreitet ist hier dagegen der verbale Sexismus, ihn haben schon 58 Prozent der Frauen erlebt. Bleibt zu hoffen, dass auf Worte keine Taten folgen.

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