Vergewaltigung in Indien: Warum wird dem Opfer eine Mitschuld unterstellt?

Vergewaltigung in Indien: Warum wird dem Opfer eine Mitschuld unterstellt?
© dpa, Sanjeev Gupta

Vergewaltigung in Indien beginnt im Frauenbild

Nach dem Tod der vergewaltigten Studentin Jyothi Singh Pandey (23) erschüttern landesweite Proteste ganz Indien. Aber nun melden sich auch Stimmen zu Wort, die dem Opfer eine Mitschuld geben. Indiens alte patriachalische Gesellschaft kommt ins Wanken: Was genau ist da eigentlich los?

Von Jutta Rogge-Strang

Die 23-jährige Studentin Jyothi Singh Pandey wurde in Neu Dehli brutal vergewaltigt, nackt auf die Straße geworfen, wo zunächst niemand zu Hilfe kam. Sogar die Polizei tat sich schwer, überhaupt einzugreifen, da erst über die Zuständigkeit diskutiert werden musste. Oder hatten die Beamten nur Sorge, ihre Uniformen mit Blut zu beschmutzen? Nun meldet sich ein selbsternannter 71-jähriger Guru zu Wort, der dem Opfer eine Mitschuld gibt: Die Studentin hätte die Täter als "Brüder" ansprechen sollen, dann hätte sie überlebt. Was ist los in einem Land, in dem solche Dinge zur Tagesordnung gehören?

Immerhin: Erstmals ist in Indien eine heftige Diskussion über das herrschende Frauenbild entbrannt. In Indien werden Vergewaltigungen oftmals erst gar nicht angezeigt: Denn häufig ist auch die Polizei in Missbrauchsfälle verwickelt. Die Hauptstadt Neu Dehli gilt als "Hauptstadt der Vergewaltigungen", unter den verurteilten Tätern finden sich viele Politiker. Jetzt kollidiert das alte patriarchalische Indien, in dem Frauen als Freiwild gelten, mit dem neuen modernen Indien: Wirtschaftsboom und Globalisierung verändern auch hier die Gesellschaft.

In Indien ist es sogar heutezutage noch völlig normal, weibliche Föten abzutreiben oder Mädchen so schlecht zu versorgen, dass sie irgendwann sterben. Denn nur ein Sohn führt den Namen weiter, ist allein erbberechtigt und darf nach dem Tod seiner Eltern bestimmte religiöse Rituale vornehmen. Mädchen benötigen eine teure Mitgift: Dabei kann es sich um enorme Summen handeln, teilweise sogar ein Vielfaches des Jahreseinkommens der Brautfamilie. Nach der Heirat wechselt die Braut in die Familie des Ehemannes, um dort zu arbeiten: Für die Mädchen-Eltern ein echtes Verlustgeschäft.

Was passiert mit einer Gesellschaft, in der Frauen Mangelware sind?

Vergewaltigung in Indien: Mangelware Frau

Indien hat 1,2 Milliarden Einwohner, auf 1.000 Männer kommen 940 Frauen (Volkszählung 2001). Das bedeutet, dass es mittlerweile 37 Millionen mehr Jungen als Mädchen gibt. Zudem ist der größte Teil der Bevölkerung bettelarm: Mehr als ein Viertel der Bevölkerung hat täglich noch nicht mal genug zu essen. Da kommt es vor, dass Eltern ihre Töchter verkaufen, im letzten Jahr sind rund 15.000 Inderinnen zwangsverheiratet worden. Auch häufen sich die Fälle, in denen sich mehrere Männer eine Frau teilen.

Der Wirtschaftsboom der letzten Jahre hat Indien rasant verändert: Eine neue Mittelschicht ist herangewachsen, gebildet, modern, selbstbewusst. Und prallt auf die patriarchalische Gesellschaft des alten Indien, in dem der Mann der Ernährer ist und das Sagen hat. Solche Männer wollen die alte Struktur wieder herstellen: Mit Gewalt gegen Schwächere und besonders gegen Frauen.

Der Tod der jungen Frau, die von sechs Männern brutal vergewaltigt und misshandelt wurde, könnte für Indien ein Wendepunkt sein. Aber Indien wird sich nicht über Nacht ändern. Es wird Jahrzehnte dauern, bis sich die Frauenfeindlichkeit verändert, die selbst die höchsten Gesellschaftsschichten durchzieht. Aber dann wäre Jyothi Singh Pandey nicht umsonst gestorben. Ein schwacher Trost.

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