Vergewaltigung durch Frauen: Warum es immer noch ein Tabuthema ist

Vergewaltigung durch Frauen: Warum es immer noch ein Tabuthema ist
Warum wird so wenig über Vergewaltigung durch Frauen gesprochen?

Warum wird so wenig über Vergewaltigung durch Frauen gesprochen?

Frauen vergehen sich sexuell an Kindern: Das kann sich eigentlich niemand vorstellen. Deshalb ist es so schwer, dieses Tabu zu erkennen. Dabei sprechen Fachleute von 15 Prozent weiblichen Tätern in Fällen sexuellen Missbrauchs von Kindern.

Von Jutta Rogge-Strang

In Neuseeland hat eine 36-jährige Frau ein Baby bekommen. Vater des Kindes ist der Schulfreund ihres Sohnes - bei der Zeugung gerade mal elf Jahre alt. Der Junge suchte Hilfe bei seinem Schuldirektor mit den Worten: "Es muss aufhören!" Angeblich hatte die erwachsene Frau dem Jungen Bier zu trinken gegeben und anschließend Sex mit dem Kind gehabt. Geht es technisch überhaupt, dass Frauen vergewaltigen?

"Natürlich geht das: Frauen vergewaltigen mit Gegenständen. Auch eine orale Vergewaltigung ist natürlich möglich. Aber der Missbrauch fängt schon viel früher an", erklärt Ursula Enders, Gründerin und Leiterin des Vereins "Zartbitter e.V." und Autorin zahlreicher Bücher gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und Jungen: "Allerdings werden die Anzeichen für Missbrauch von der Umwelt anders gewertet, wenn es um Frauen als Täterinnen geht. Alle sehen es, aber keiner reagiert." Frauen als Täterinnen werden nicht erkannt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Der Ruf der "Heiligen Mutter" darf nicht beschädigt werden.

Dabei, so weiß Enders, sind Frauen als Täterinnen bei sexuellen Übergriffen nicht selten: "15 Prozent ist seriös, dabei handeln Frauen eigenverantwortlich und werden nicht durch gewaltbereite Männer gezwungen. Die Mehrzahl der Täterinnen kommt aus dem sozialen Umfeld: Immer sind es Vertrauenspersonen, die sich an Kindern vergehen. Zwei Drittel aller Missbrauchsfälle finden außerhalb der Familie statt, zum Beispiel Erzieherinnen, Lehrerinnen, Nachbarinnen und oft jugendliche Babysitter missbrauchen Kinder.

Vergewaltigung durch Frauen ist nicht so selten wie man glaubt

Nicht selten sind Frauen als Täterinnen in der Kinderporno-Produktion und in der Kinderprostitution zu finden, als Darstellerinnen oder Zuhälterinnen. Denn es geht auch bei Frauen um Machtmissbrauch und letztlich um Gewalt. Frauen können genauso gewalttätig sein wie Männer. Die Formen der Gewalt, ihre Intensität, Häufigkeit und Perversion sind ähnlich. Oft fällt es Kindern viel schwerer, über Frauen als Täterinnen zu sprechen als über Männer. Für die Opfer sind die Folgen des Missbrauchs durch eine Frau nicht anders als die durch einen Mann.

An 'Zartbitter' wenden sich meist Eltern oder auch pädagogische Fachkräfte, die im Berufsalltag eine Vermutung haben und bei 'Zartbitter' Beratung suchen. "Allerdings wird ein Strafverfahren gegen Täterinnen meist eingestellt oder sie werden in Einzelfällen besonders hart verurteilt," so Ursula Enders. "Insgesamt gibt es aber keinen adäquaten Umgang mit der Thematik. Die Wahrnehmung und Bewertung des weiblichen Verhaltens ist anders als bei Männern."

Einige Frauen vergewaltigen schon Kleinkinder, andere beuten Pubertierende sexuell aus, alle sozialen Schichten sind vertreten. Naturgemäß haben Frauen einen engeren und auch körperlich intensiveren Kontakt zu Kindern als Männer. Aber wo fängt liebevolle Fürsorge an, und wo beginnt die sexuelle Grenzverletzung? Ursula Enders weiß ganz genau, wo die Grenzen liegen: "Wenn Erzieherinnen ihren Bauch entblößen und das Kind auf die nackte Haut legen, ist das ein Übergriff. Wenn eine Lehrerin mit durchsichtiger Bluse und kurzem Minirock auf dem Lehrerpult sitzt, muss sie sich über Reaktionen ihrer Schüler nicht wundern. Es gibt aber eine ganz einfache Methode, Grenzüberschreitungen zu erkennen. Stellen Sie sich einen Mann in derselben Situation vor, mit enger Hose, vielleicht sogar etwas geöffnet. Würden Sie das auch als "normal" akzeptieren?"

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