Vergewaltigung: Deutschland hinkt im Opferschutz hinterher

Opferschutz: Deutschland hinkt anderen Ländern hinterher
Österreich bietet Vergewaltigungsopfern kostenlose Betreuung an © kmiragaya - Fotolia, Karel Miragaya

Österreich bietet kostenlose Betreuung für Vergewaltigungsopfer an

Tja, daran kann sich unsere Regierung ein Beispiel nehmen: Österreichs Justizpolitik wurde jetzt mit dem Future Policy Award 2014 in Silber ausgezeichnet. Dieses Jahr würdigte der World Future Council mit dem sogenannten 'Oscar der guten Gesetze' sinnvolle Ansätze aus der Politik, um die Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu beenden.

Von Merle Wuttke

Schon vor acht Jahren führte unser Nachbarland das Gesetz ein, das den Opfern von Verbrechen das Recht auf eine kostenlose Betreuung bzw. Vertretung durch Psychologen bzw. Anwälte während des Verfahrens gewährt. Dadurch erhöht sich die Bereitschaft von Frauen und Mädchen, überhaupt ihre Peiniger im Falle von sexuellen Missbrauch oder Vergewaltigung anzuzeigen und sie vor Gericht zu bringen, aber vor allem stehen sie für die Opfer meist traumatischen Verhandlungen besser und gestärkter durch.

In den meisten Ländern dagegen, auch bei uns, müssen Vergewaltigungsopfer beim Prozess immer noch minutiös nachweisen, dass sie sich ausreichend gegen den Täter gewehrt haben. Wer etwa still hält bzw. die Tat über sich ergehen lässt, aus Angst, dass Schlimmeres passiert, oder sich vielleicht nur verbal äußert, dann stehen vor deutschen Gerichten die Chancen schlecht, dass der Peiniger verurteilt wird. Ein "Nein" heißt hierzulande eben noch lange nicht "Nein" – die Frau muss sich buchstäblich mit Händen und Füßen wehren, um die Tat als Vergewaltigung anerkannt zu bekommen. Und genau deswegen fordern Frauennotdienste und Hilfsorganisationen, dass Deutschland endlich nachbessert und ebenfalls ein ähnliches Gesetz wie Österreich vorlegt.

Noch immer demütigende Fragen für Opfer

Auch auf europäischer Ebene hinken wir hinterher: Seit August gibt es eine Europarat-Konvention, die bei der Gewalt gegen Frauen Abhilfe schaffen soll – die Bundesrepublik kann diese Konvention nicht ratifizieren, weil die politischen Voraussetzungen fehlen, um Frauen zu schützen. Die da zum Beispiel wären: Schutz der Frauen vor den Tätern (zum Beispiel bei häuslicher Gewalt) oder dass klar ist, dass sexuelle Handlungen, die nicht im Einverständnis vollzogen werden, strafbar sind. Das ist, wie gesagt, vor der deutschen Justiz immer noch Auslegungssache.

In den USA, zumindest in Kalifornien, ist man deshalb schon soweit gegangen, dass das Einverständnis beider zum Geschlechtsverkehr vor dem Akt eindeutig gegeben sprich formuliert werden muss. Die gesetzliche Regelung "Yes means yes" ist eine Antwort auf die unzähligen Fälle von Missbrauch und Vergewaltigungen an US-Universitäten. Fast jede fünfte Studentin wird hier zum Opfer.

Man mag das albern finden, aber wenn es offenbar so ist, dass Männer nicht mehr die Grenzen sehen können oder verstehen wollen, die Frauen ihnen verbal oder nonverbal setzen, haben Opfer in Kalifornien jetzt immerhin eine konkrete Handhabe falls es zur Tat kommt. Wer nicht "ja" gesagt hat, wurde belästigt – Punkt, aus, klare Sache. Damit sind die Amerikaner uns darin voraus, dass sich die Anzahl der Frauen und Mädchen, die sich im Prozess demütigenden Fragen und Details stellen müssen, wesentlich verringert. Kein "Haben Sie sich denn tatsächlich gewehrt?", "Versuchten Sie dem Mann zu entkommen, wenn nein, warum nicht?"

Und wenn ein Mann erst fragen muss, ob die Frau ihn wirklich will, denken er und seine Geschlechtsgenossen vielleicht endlich einmal darüber nach, warum es überhaupt soweit kommen musste.

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