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Vegane Mutter muss für ihren Sohn Fleisch kochen - ein Kommentar zum Gaga-Urteil

Das wird bei Mama gegessen - und das bei Papa
Das wird bei Mama gegessen - und das bei Papa Was für Kinder wirklich wichtig ist 00:02:29
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Mindestens ein Fleischgericht pro Woche

Der erste Blick auf die Schlagzeile lässt wieder ein Gaga-Urteil vermuten: "Vegane Mutter muss ihrem Sohn Fleisch braten" titelt die Schweizer Zeitung 'Blick'. Ein italienischer Richter aus Bergamo hat eine vegan lebende Mutter dazu verdonnert, ihrem Sohn mindestens einmal die Woche ein Fleischgericht zu servieren. Erstritten hat das der Vater des Zwölfjährigen. Für das Urteil habe ich kein Verständnis, aber auch nicht für die teilweise radikale Einstellung vegan lebender Mitmenschen.

Kartoffeln mit Fleisch
Auch wenn das Kind beim Vater Fleisch isst: Vegane Mutter muss einmal die Woche Gericht mit Fleisch anbieten. © picture-alliance, Bernd Jürgens / CHROMORANGE

Von Aristotelis Zervos

Ja, dieses Urteil ist ein ziemlicher Aufreger. Ein Richter in Italien zwingt eine seit acht Jahren vegan lebende Mutter, einmal die Woche für ihren Sohn ein Fleischgericht zu kochen. Die Eltern leben getrennt, der Vater soll sich Sorgen um die Gesundheit und körperliche Entwicklung seines Sohnes gemacht haben. Wie auch in Deutschland üblich hat der Richter für seine Urteilsfindung einen Sachverständigen hinzugezogen. "Der Ernährungsmediziner ist zum Schluss gekommen, dass die vegetarische Kost nicht ausgeglichen ist, weil sie zu einer Unterversorgung bestimmter Nährstoffe und Vitamine führt, die für das Wachstum im Kindesalter wichtig ist", zitiert die 'Aargauer Zeitung' aus dem Urteil des Richters.

Es gibt Studien, die den Sachverständigen unterstützen würden. Es gibt aber auch viele Studien und Experten, die genau das Gegenteil aussagen. Nämlich dass vegane Ernährung für Kinder unschädlich sei. Ich selber interessiere mich nicht für vegane Ernährungsweisen. Allerdings kenne ich Kinder, die im Alter von zwölf Jahren aus eigenem Antrieb auf vegetarische Ernährung umgestellt haben. Die Eltern und auch die Kinderärzte machen sich aufgrund des plötzlichen Fleischverlustes keine großen Sorgen. Eine kleine Umstellung beim Kochen, das war’s eigentlich.

Es gibt keine Pflicht auf Fleisch - und auch kein Recht auf Fleisch

Darf ein Gericht darüber urteilen, was zu Hause auf den Tisch kommt? Auf keinen Fall! Der Staat lässt auch gerne mal Fünfe gerade sein, wenn es um die Lebensmittelproduktion geht. Woher das Fleisch kommt, das die vegane Mutter kochen muss? Egal! Produktionsbedingungen bei der Massentierhaltung? Egal! Haben Kinder aus ärmeren Familien ein Recht auf Fleisch? Aber nicht doch! Es gibt eben kein Recht auf Fleisch. Bei näherer Betrachtung ist das Urteil ziemlich irre: Der zwölfjährige Sohn hält sich regelmäßig beim Vater auf, wo er ziemlich viel Fleisch vorgesetzt bekommt. Sein Wochenbedarf dürfte mehr als gedeckt sein.

Fast genauso schlimm wie das Urteil ist die ideologische Auseinandersetzung, die diese beiden Elternteile aus Italien ausfechten. "Er kommt immer ganz bleich zurück, hat Magenschmerzen und eine überlastete Leber", berichtet die Mutter gegenüber der Lokalzeitung 'Echo von Bergamo' über die fleischlastigen Aufenthalte ihres Sprösslings bei seinem Vater. Und der Mann revanchiert sich mit einer Klage und einem staatlich verordneten Fleischzwang. Dabei sollte es den Eltern in erster Linie um das Wohl ihres Kindes gehen - mit oder ohne Fleisch.

In meinem nächsten Umfeld habe ich sie eigentlich alle: Fleischliebhaber, Metzger-Enkel, Hyperallergiker, Laktoseintolarente, Vegetarier und Veganer. Die einen können aus gesundheitlichen Gründen nicht alle Lebensmittel zu sich nehmen, die anderen wollen aus ideologischen Gründen nicht alle Nahrungsmittel essen. Auch bei den Fleischessern gibt es Unterschiede: Fleischesser, die nur auf den Preis achten und einfach im Kühlregal zugreifen und Fleischesser, die sehr bewusst einkaufen gehen und auf eine nachhaltige Fleischproduktion achten. In unserer Gesellschaft haben wir das große Glück, uns so ernähren zu können, wie wir wollen.

Unser Wohlstand gibt uns die Freiheit zu entscheiden, ob wir vegan, vegetarisch oder doch lieber mit Fleisch leben wollen. Und diese Freiheit sollten wir auch unseren Kindern geben: Selber zu entscheiden, ob sie auf einem Kindergeburtstag ein Würstchen essen wollen oder Hunger haben auf ein Brot mit Käse. Und auch respektieren, wenn sie eben keine Lust mehr auf die Hähnchenbrust haben. Den Respekt vor der Ernährungsweise des anderen - den kann uns kein Gericht der Welt verordnen.

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