Vanessa Low wählt den Bundespräsidenten

Leistungssportlerin Vanessa Low ist Wahlfrau

Bei einem Unfall hat Vanessa Low ihre Beine verloren - doch von ihrem Schicksalsschlag hat sie sich nicht unterkriegen lassen. Im Gegenteil: Die Auszubildende begann danach eine Karriere als Leistungssportlerin. Sie hält den Weltrekord im Weitsprung und gewann bei der WM der Behindertensportler 2011 die Bronzemedaille im 100-Meter-Sprint. Jetzt wurde Vanessa sogar zur Wahlfrau ernannt und darf am 18. März ihr Votum bei der Wahl eines neuen Bundespräsidenten abgeben. Frauenzimmer.de traf die 21-Jährige zum Gespräch.

Vanessa Low wählt den Bundespräsidenten

Frauenzimmer.de: Wie hast du davon erfahren, dass du Wahlfrau werden sollst?

Vanessa Low: Der Präsident des deutschen Behindertensportverbands hat mich angerufen und gefragt, ob ich grundsätzlich Lust dazu hätte. Das war für mich eine große Ehre. Ich finde, das ist eine tolle Sache. Er meinte, es sei noch nicht sicher, aber er hätte mich vorgeschlagen und ich hätte gute Chancen, das Amt übernehmen zu dürfen.

FZ: Wie sehr interessierst du dich für Politik? Beschäftigst du dich auch privat viel damit?

Vanessa Low: Ich bin kein Politik-Experte, aber ich bin grundsätzlich schon interessiert. Ich könnte jetzt nicht jeden einzelnen Ministerpräsidenten aufzählen, doch ich verfolge immer mit, was gerade passiert.

FZ: Wie wichtig ist dir die Rolle als Wahlfrau?

Vanessa Low: Für mich ist es eine Ehre als Person des öffentlichen Lebens daran teilhaben zu dürfen. Das zeigt auch, dass mittlerweile der Behindertensport Teil des öffentlichen Lebens ist und auch wichtig für die Bevölkerung geworden ist. Ich finde es schön, dass so viele Bevölkerungsschichten vertreten sind, unter anderem auch Menschen mit Behinderung.

Vanessa Low freut sich auf London

FZ: Was ist deine Meinung zu Christian Wulff?

Vanessa Low: Grundsätzlich macht ja jeder Fehler und ich bin auch nicht fehlerfrei, aber ich finde es wichtig, dass es da Konsequenzen gibt. Wenn ich in meinem Job signifikante Fehler mache, dann muss ich auch gehen und mir einen neuen Job suchen. Ich finde, wenn solche bedeutenden Fehler in der Amtszeit passieren, dann sollte man den Schritt gehen, den auch Christian Wulff gegangen ist.

FZ: Wie oft sprechen dich Leute auf deine Beinprothesen an?

Vanessa Low: Es kommt drauf an. Wenn ich im Winter unterwegs bin und eine lange Hose trage, dann fällt es wenigen Leuten auf. Dann steht niemand im Bus für mich auf, was ich auch gut verstehen kann, denn man sieht es mir nicht unbedingt an. Wenn ich eine kurze Hose trage, kommen schon viele Reaktionen. Das finde ich auch völlig in Ordnung.

FZ: Sind die Leute sehr neugierig oder halten sie sich eher zurück?

Vanessa Low: Also man merkt schon die Blicke im Rücken, wenn ich mit einer kurzen Hose rumlaufe und man die Prothesen deutlich sieht. Wenn man das nicht ertragen kann, sollte man eine lange Hose anziehen. Ich kann mittlerweile ganz gut damit umgehen. Klar, manchmal nervt es und es gibt Tage, wo ich einfach meine Ruhe haben will, aber ich kann die Leute sehr gut verstehen. Ich würde auch fragen und gucken. Das ist nun mal etwas, was die Leute nicht jeden Tag sehen. Aber ich komme damit sehr gut zurecht.

FZ: In welcher alltäglichen Situation wirst du mit deiner Behinderung konfrontiert oder gibt es für dich gar keinen großen Unterschied?

Vanessa Low: Im Alltag merke ich es nicht mehr so, weil ich mich natürlich darauf eingestellt habe und ich nur Sachen mache, wo es mich nicht sonderlich stört. Auf der Arbeit und beim Sport stört es mich nicht, aber es gibt natürlich so Kleinigkeiten. Wenn ich im Urlaub am Strand bin, ist es super nervig, weil die Prothesen nicht wasserfest sind. Das kostet dann viel mehr Planungsaufwand. Aber ich habe nicht so viele Einschränkungen wie vielleicht andere Leute. Ich finde meine Behinderung relativ gering.

FZ: Du hast deine Beine nach einem Bahnunfall verloren. Kannst du dich daran noch erinnern?

Vanessa Low: An meinen Unfall selbst erinnere mich gar nicht mehr. Auch nicht was vorher oder hinterher passiert ist. Das ist einerseits die Verletzung und andererseits der Schutzmechanismus vom Körper, der da wohl gegriffen hat. Ich will es auch ehrlich gesagt gar nicht mehr wissen. Das würde nichts daran ändern. Ich habe mich relativ schnell mit meiner Situation identifiziert. Es war auch nicht so, dass es mir richtig schlecht ging nach dem Unfall. Ich glaube, mein Umfeld hatte schon mehr daran zu knabbern als ich. Ich bin da so reingewachsen und kann es mir gar nicht mehr anders vorstellen.

FZ: Da du ja keine Erinnerung mehr an deinen Unfall hast, hast du wahrscheinlich auch keine Angst vorm Bahnfahren.

Vanessa Low: Nee, gar nicht. Unfälle können immer passieren. Du kannst einen Autounfall haben, du kannst über die Straße rennen und überfahren werden. Das passiert überall.

FZ: Wie lange hat es gedauert bis du wieder laufen konntest?

Vanessa Low: Man muss sagen, dass ich immer noch im Lernprozess bin. Es gibt immer noch Sachen, die ich nicht so gut kann, wie die Treppen hochzusteigen. Wenn ich Treppen hinuntergehe, muss ich mich auch schon sehr konzentrieren. Durch den Fortschritt der Technik wird auch das Gangbild immer schöner. Aber bis ich ohne Krücken laufen konnte und meine Alltag meistern konnte, das hat schon anderthalb Jahre gedauert.

FZ: Wie bist du zum ersten Mal mit dem Leistungssport in Berührung gekommen?

Vanessa Low: Ich habe schon immer Spaß am Sport gehabt. Ich war nie leistungsversiert, es war einfach eine Gelegenheit für mich mit Freunden Spaß zu haben. Ich war sehr viel laufen, habe Ballett getanzt und Handball gespielt. Sport hat immer eine Rolle in meinem Leben gespielt, aber natürlich nicht so sehr wie jetzt, wenn man die Aussichten hat international konkurrenzfähig zu sein.

FZ: Was ist deine Lieblingsdisziplin?

Vanessa Low: Definitiv Weitsprung. Ich mache ja Sprint und Weitsprung. Beim 100-Meter-Start ist das Gefühl einfach noch viel extremer, weil man nur diese eine Chance hat. Da ist die Aufregung wesentlich größer. Du musst dich unglaublich konzentrieren. Das ist nicht nur reiner Schnellkraftsport, dazu gehört viel Technik und viel Konzentration.

FZ: Wie lange willst du noch Leistungssport machen?

Vanessa Low: Sport wird immer ein Teil meines Lebens bleiben, auch nach meiner sportlichen Karriere. Ich habe meine Augen im Moment nur auf London gerichtet und weiß noch nicht was danach ist. Es kommt sicher darauf an wie es in London für mich läuft und wie fit ich bleibe. Ich hatte immer Spaß an Leichtathletik. Vielleicht zieht es mich irgendwann zu Langstrecken. In Richtung Marathon wollte ich schon immer mal was machen, aber natürlich nicht jetzt, sondern nach meiner Leichtathletik-Karriere.

Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin alles Gute!

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