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Väter heute: Sind viele Männer zu mütterlich?

Väter heute: Sind viele Männer zu mütterlich?
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Welche Rolle spielen Väter heute in der Erziehung

Wie soll er sein, der „neue Vater“?

In der aktuellen Diskussion über Geschlechtergerechtigkeit vergisst man ja gerne, dass es neben Frauen noch eine andere Minderheit gibt, die es auch nicht immer leicht hat: Die Männer. Der Fokus einiger aktueller Veröffentlichungen liegt auf einer ganz speziellen Unterart dieser Spezies, nämlich auf den Vätern. Die können es irgendwie auch niemandem recht machen. Wie sollte ein Vater heutzutage sein? In welcher Zwickmühle steckt eigentlich der moderne Vater? Wie hätten ihn denn die Kinder gerne? Und wie die Mütter? Und vor allem: Ist dieses Komplett-Anforderungspaket überhaupt in die Tat umzusetzen?

Von Ursula Willimsky

Dem Thema widmet sich zum Beispiel ein Buch, das dieser Tage erscheint. Titel "Vaterlos". Die Zweideutigkeit im Titel deutet es schon an: Das Los der Väter ist ein Thema, aber auch die Tatsache, dass zu wenige Kinder echte Väter haben. Nicht im biologisch/statistischen, sondern eher im erzieherischen Sinne. Ganz grob zusammengefasst vertritt Autor Matthias Stiehler die These, dass es zu wenig Väterlichkeit gibt hierzulande. "Prinzipienfestigkeit, Begrenzung, Partnerschaftsfähigkeit, Ehrlichkeit und Verantwortung" seien – so entnehmen wir es dem Pressetext – die (väterlichen) Werte, die "in weiten Teilen unserer Gesellschaft fehlen".

Der Grund für diesen Mangel: Auch Väter wollen heutzutage vor allem mütterlich-fürsorglich sein. Sie sind "Versorger, Spielkameraden und Partner ihrer Kinder, jedoch kaum väterliches Gegenüber". Väter – wenn sie denn ihre "Väterlichkeit" in die Tat umsetzen – würden oft als "zu hart, als zu wenig mitempfindend, als zu umbarmherzig" empfunden. Von Kindern und Müttern. ("Jetzt schrei das Kind doch nicht so an!" fällt uns da als Beispiel-Satz ein.) Wenn Väter sich aber wie Mütter benehmen, ja dann fehle eben das Gegengewicht zur liebevollen Glucke. Was "Überbehütung", aber auch "Haltlosigkeit" zu Folge haben könne.

Wer selbst Kinder hat, mag diesen Gedankengang in einer stillen Minute der Selbstreflexion in Teilen nachvollziehen können: Väter neigen ja tatsächlich dazu, ihren Kindern durchaus auch mal etwas zuzutrauen – zum Beispiel einen einstündigen Spaziergang, auf dem keine Wasserflasche und keine Box mit Reiswaffeln mitgeschleppt wird. Andererseits neigen sie manchmal zu mehr Realismus: eine 6 in Mathe? Das mütterliche Prinzip würde auch an dieser Note garantiert noch etwas Lobenswertes finden. Das väterliche Prinzip vielleicht eher mal Klartext reden.

Stiehler, der Theologe, Pädagoge und Männerforscher ist, vermisst also Dinge wie Strenge und Konfliktfähigkeit – Eigenschaften, die er dem männlichen Kosmos zuordnet. Und beklagt, dass Väter immer mehr dazu tendieren, eine zweite Mutter neben der Mutter sein zu wollen. Was dabei auf der Strecke bleibe, sei die große Chance für das Kind, auf das Leben außerhalb des geschützten Familienraumes vorbereitet zu sein.

Ein Job des Vaters, so verstehen wir die Thesen, muss es sein, die innige Zweierbeziehung zwischen Mutter und Kind aufzubrechen und zu zeigen: Da gibt es noch was anderes. Etwas, das dich fordert, dich in deine Grenzen verweist. Und dich auch mal ganz wild in die Luft wirft und nachher wieder auffängt.

Väter als "provider und carer"

Was er – also der Vater - natürlich besonders gut machen kann, wenn er sich Zeit für das Kind nimmt. Nicht falsch verstehen: Der Autor plädiert nicht dafür, dass Väter so wie früher die strengen Patriarchen sein sollen, die sich ab und zu blicken lassen, ein Donnerwetter ablassen und dann wieder verschwinden. Er wünscht sich eher eine Väterlichkeit, die gleichwertig zur Mütterlichkeit gelebt wird. Was nicht immer einfach ist.

Die Bertelsmann-Stiftung geht in einer ihrer Veröffentlichungen ("Vaterwerden und Vatersein heute") der Frage nach, welche Chancen denn im Vatersein so stecken. Nach Versuchen mit einer Umkehr der Rollenmodelle – sprich der Einführung des Hausmannes – gebe es eine neue väterliche Idealfigur: den "provider und carer". Einen Vater also, der für "ökonomische Versorgung" und "soziale Fürsorge" gleichzeitig zuständig ist. Was manchmal für Männer die unangenehme Folge habe, dass sie nicht so recht wissen, wie sie sich denn jetzt benehmen sollen: Einerseits einfühlsam und nett – andererseits aber doch wie ein echter Kerl. Worin aber natürlich auch eine große Chance liegt: Die Väter – und übrigens, finden wir, auch die Mütter – haben heutzutage die Möglichkeit, ihren Kindern ein breites Spektrum an Verhaltensweisen vorzuleben.

Wobei eine der größten Barrieren für das gerechte, gleichwertige Miteinander wohl immer noch der Arbeitsmarkt ist. Wer täglich 8, 9 oder 10 Stunden beruflich außer Haus ist, kann sich nicht so der Brut widmen, wie jemand, der einen Teilzeit-Job hat. In vielen Jobs gebe es nach wie vor ein Anwesenheitsdiktat – es zählt nicht das Ergebnis, sondern das Sehen und Gesehen-Werden im Büro. Zudem sei die Erwerbsarbeit häufig ausgerichtet an der "lebenslang vollzeitig tätigen Normalarbeitskraft, die freigestellt sei von Fürsorgepflichten". Und immer noch sind ja meistens die Väter die Ernährer der Familie, besonders wenn die Kinder noch klein sind.

Andererseits: das auch als "Windel-Volontariat" titulierte Elterngeld wird gerne genommen. Inzwischen bleiben immerhin ein Viertel aller frischgebackenen Väter für mindestens zwei Monate zu Hause. Hoffentlich ohne die Angst, deshalb als Weichei zu gelten oder ihre Karriere damit zu gefährden. Ein gutes Viertel – das ist jetzt nicht gerade eine Papa-Hype, aber besser als Nix ist es allemal.

Damit das mit der geschlechtergerechten Aufteilung des Jobs dann aber auch zuhause klappt, müssten sich solche "neuen Väter" allerdings auch aus der Rolle des ewigen Haushaltspraktikanten lösen. Für die Frauen und Mütter an ihrer Seite hieße das vermutlich auch, dass sie den Mann mal machen lassen und ihm auch zugestehen, die T-Shirts anders zu falten als sie selbst das tun würden. Oder zum Beispiel den Freizeitwert von Spielen anders bewerten als sie selbst das tun. Sprich: Filigrane Perlentierchen sind super. Ein Nachmittag auf dem Bolzplatz aber auch.

Ist es das, was uns die Zukunft bringen sollte? Väter, die ihre männlichen Stärken ausleben in der Zeit, die sie gerne und häufig mit ihren Kindern verbringen? Ist es tatsächlich so, dass Väter mittlerweile in ihrem Umgang mit den Kindern zu weich gespült sind? Was meint Ihr?

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