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Unterwegs mit dem Kinderwagen: Wohin mit all den Treppen, Bordsteinen & Co.?

Sebastian Priggemeier, Priggemeier, Teambilder Frauenzimmer
Sebastian Priggemeier © Stefan Neumann Fotografie

Tschüss, grenzenlose Freiheit!

Neulich in der U-Bahnstation wurde es mir plötzlich klar: Seitdem ich Papa bin, denke ich wie ein Rollstuhlfahrer. Wer dauernd einen Kinderwagen durch die Gegend schiebt, hat auch gar keine andere Wahl. Warum? Einmal umgucken, bitte - es gibt da draußen Treppen ohne Ende, aber kaum Aufzüge. "Heftig", sagte ich eher zu mir selbst. Mein Blick muss dabei etwas zu lange am Kinderwagen hängen geblieben sein, denn plötzlich meldete sich eine alte Dame neben mir: "Ja, so ein Baby kann einem ganz schön zu schaffen machen. Aber süß ist der Kleine!" Ein Missverständnis.

Von Sebastian Priggemeier

Mal ganz davon abgesehen, dass Baby Lene ein Mädchen ist - das Kind war gar nicht das Problem. Der Kinderwagen im Prinzip auch nicht, sondern die Architektur der Bahnstation, ach - der Stadt. Oder besser: der Welt! Tschüss, grenzenlose Freiheit. Hallo Stufen, Bordsteinkanten, Kopfsteinpflaster, unnütze Drehkreuze, Geländer, Baustellen. Bahnsteigkanten gehen gar nicht. Und erst die ganzen Ebenen. Wie viele Stockwerke ein stinknormaler Bahnhof hat, fällt einem erst auf, wenn man mittendrin steht und ein Baby vor sich herschiebt. Blöde Idee, an einer Station auszusteigen, die nicht barrierefrei ist (beispielsweise am Kölner Hauptbahnhof). Ganz blöde Idee.

Der Alltag mit Buggy ist ein einziger Hindernisparcours. Schon mal versucht, einen Kinderwagen auf eine fahrende Rolltreppe zu ziehen? Das ist ein Himmelfahrtskommando, vom Adrenalin-Kick her irgendwo zwischen viel zu enger Parklücke und Bungeejump. Nichts für schwache Nerven halt. Deswegen ist es wahrscheinlich auch verboten. Muttis machen sowas nicht, bis jetzt habe ich nur Väter dabei beobachtet. Aber hey, manchmal muss ein Mann eben etwas Waghalsiges tun, um seine Familie aus der Unterwelt zu führen.

#dummgelaufen

Ja, so ein Kinderwagen ist im Prinzip eine Eintrittskarte in eine Parallelwelt. Regel Nummer 1 in dieser Welt: Der Aufzug befindet sich grundsätzlich am anderen Ende des Gebäudekomplexes - und dann links, da wo die Rentner immer heimlich die Tauben füttern. Außerdem passen maximal zwei Personen hinein.

Zu allem Überfluss ist Aufzugfahren bei Teenagern offenbar total angesagt. Also wartet man dort, in einer Wolke von feinem Taubenstaub, zusammen mit Rollstuhlfahrern, schwer bepackten Flaschensammlern und anderen Eltern-Kind-Kombos - und starrt gemeinsam mit bösem Blick dem Glaskasten hinterher, in dem zwei lauffaule Halbstarke gelangweilt auf ihre Smartphones glotzen. Manchmal möchte ich sie anschreien: "Nehmt doch einfach die Treppen, verdammt! Tut es, solange ihr noch könnt." Schöne neue Elternwelt. #dummgelaufen

Ok, ich gebe zu, manchmal ist es auch echt von Vorteil, einen Kinderwagen dabei zu haben. Selten, aber es gibt diese Momente. An der Supermarktkasse zum Beispiel - der perfekte Ort für Babys täglichen Schreikrampf. Die Reaktionen sind einfach herrlich: Schweißausbrüche beim Vordermann, ein hektisches "gehen Sie vor, gehen Sie vor" und schon rollt nicht nur der Wagen, sondern ganz schnell auch der Rubel. Und dann ist Papas Welt wieder in Ordnung. Zumindest bis zur nächsten Rolltreppe.

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