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"Unter dem Herzen": Ildiko von Kürthy übers Muttersein

"Unter dem Herzen": Ildiko von Kürthy übers Muttersein
"Unter dem Herzen": Ildiko von Kürthy übers Muttersein © picture-alliance/ ZB, Karlheinz Schindler

Über ‚Unter dem Herzen‘

Nach sechs Romanen hat Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy (‚Mondscheintarif‘) ihr erstes Sachbuch vorgelegt: In ‚Unter dem Herzen‘ beschreibt die Mutter von zwei Söhnen (2 und 5) anschaulich und sehr persönlich, wie die Geburt eines Kindes das Leben einer Frau auf den Kopf stellt. Nichts ist mehr, wie es mal war. Warum schreit er? Ist es erlaubt, sich mit dem eigenen Kind zu langweilen? Bin ich eine gute Mutter?

Interview zu ‚Unter dem Herzen‘

Im Interview berichtet die 44-Jährige über Konkurrenzkampf unter Müttern, warum man es nicht allen recht machen kann und warum ein schlafendes Baby das größte Glück ist.

Was ist das Schönste am Muttersein?

Kürthy: "Die Frage ist nicht platzsparend zu beantworten. Fantastisch ist der Moment, wenn mein kleiner Junge aufwacht und das Erste, was er schlaftrunken sagt, ist: 'Meine Faust hungert nach Gerechtigkeit.' Wunderbar ist der Moment, kurz bevor mein Sohn einschläft, wenn er im Arm schwer wird, müde und zärtlich. Und glauben Sie mir, zwischen Aufwachen und Einschlafen geschieht noch eine ganze Menge mehr, wofür es sich lohnt, Mutter zu sein."

Worauf waren Sie nicht vorbereitet?

Kürthy: "Auf die Angst. Ich hatte noch nie so viel zu verlieren. Jedes Alter birgt ja neue Gefahren. Ist dein Kind ein Säugling, fürchtest du, dass es einfach aufhört zu atmen. Sobald es laufen kann, wird die ganze Welt zum potenziellen Tatort: Scharfe Kanten, dunkle Gewässer, zu schnell fahrende Autos. Manchmal frage ich mich, wie meine Kinder ihre Kindheit überleben sollen. Außerdem bin ich überrascht, mit welcher Vehemenz die unterschiedlichen Lebensentwürfe von Müttern aufeinanderprallen. Wahlweise fühle ich mich wie eine Rabenmutter oder eine Rabenautorin - je nachdem ob ich gerade mal wieder mehr meinen Beruf oder mehr meine Kinder vernachlässige. Und immer scheint mir die Mutter, die es anders macht als ich, es besser zu machen. Mit einem Baby bekommst du das schlechte Gewissen automatisch mit dazugeliefert. Es gibt wirklich fiese Grabenkämpfe zwischen Vollzeitmüttern, Teilzeitmüttern und voll arbeitenden Müttern. Wir sind die Generation von Frauen, die es zum ersten Mal ganz anders macht. Wir sind Vorbilder ohne Vorbild. Nie war es so schwierig, Mutter zu sein, wie heute."

Warum gibt es diese Grabenkämpfe zwischen Müttern?

Kürthy: "Es geht ums Ganze. Denn es geht ums Kind. Wir leben nicht mehr mit unseren Kindern, sondern für unsere Kinder. Das halte ich für einen Fehler. Der Erziehungsprofi Remo Largo sagt: "Heutzutage sind Kinder ein Juwel, und das muss funkeln, sonst hat es sich für die Eltern nicht gelohnt." Und damit es sich lohnt und um den eigenen Lebensentwurf zu verteidigen, wird jeder andere schlecht gemacht. Denn die entscheidende Schlacht im Krieg der Mütter führst du nicht gegen die anderen, sondern gegen dich selbst und dein eigenes schlechtes Gewissen. Fast 90 Prozent der jungen Frauen wollen heute alles: Karriere, Kinder, Beziehung, Freundschaft, Fettverbrennung. Und zwar ohne unzumutbare Abstriche machen zu müssen. Träumt weiter! Das ist schlicht nicht möglich und die Desillusionierung ist vorprogrammiert. Es ist, als wenn du mit einem Topflappen eine vierköpfige Familie zudecken willst. Irgendwas guckt immer raus und kriegt kalte Füße. Niemand konnte jemals alles haben. Väter haben lange Zeit ihre Kinder, Frauen haben ihre Karrieren vernachlässigt. Jetzt soll alles anders werden. Aber die Strukturen sind verhärtet - in der Gesellschaft, bei Arbeitgebern genauso wie in unseren eigenen Köpfen und Herzen. Es ist noch ein langer Weg.“

Kürthy: "Kinder brauchen Eltern, keine Spitzenpädagogen"

Was würden Sie Müttern raten?

Kürthy: "Ich bin nicht in der Lage, jemandem zu raten. Dazu bin ich selbst viel zu unsicher. Aber es ist tragisch, mit anzusehen, wie sich Mütter verrenken, zerreißen, bis zur völligen Erschöpfung unter Druck setzen und unter Druck setzen lassen, um Ansprüchen gerecht zu werden, die nicht erfüllbar sind. Eine gute Mutter muss und darf nicht perfekt sein. Kinder brauchen Eltern, keine Spitzenpädagogen. Uns fehlen uralte Instinkte und moderne Vorbilder. So was wie uns hat es noch nicht gegeben. Unsere Sorgen sind neu, unsere Freiheiten auch. Wir werden die Vorbilder von morgen sein und deshalb müssen wir uns, verdammt noch mal, mehr Mühe geben. Wir sind alle frei, es so zu machen, wie es uns gefällt. Es gibt kein Richtig oder Falsch, also auch keinen Grund, sich für über- oder unterlegen zu halten. Mütter haben doch so viel gemeinsam: Fiese Schuldgefühle und wunderbare Kinder. Wir tappen alle im Dunkeln. Da ist es besser, wenn man sich an den Händen hält."

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