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Ungewollt kinderlos: Wie soll man damit umgehen?

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Kinderwunsch: 8 Tricks für Männer damit es klappt Quantität und Qualität der Spermien erhöhen 00:01:46
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Wie soll man mit einem unerfüllten Kinderwunsch umgehen?

Jedes siebte Paar in Deutschland kann keine Kinder bekommen. Obwohl beide es sich so sehr wünschen – und oft große Belastungen auf sich nehmen. Sex nur noch nach Fruchtbarkeits-Stundenplan. Unzählige medizinische Untersuchungen. Befruchtungsversuche. Einmal im Monat Hoffnung – und oft dann doch wieder nur Enttäuschung, trotz aller Anstrengungen. Wie soll man damit zurechtkommen, dass der Wunsch nach einem Kind sich vielleicht - oder nahezu sicher– nicht erfüllt? Über diese Frage sprachen wir mit Dr. Tewes Wischmann. Der Psychologe arbeitet an der Universität Heidelberg als Dozent für medizinische Psychologie und setzt sich seit Jahren mit dem Thema ungewollter Kinderlosigkeit auseinander.

Ungewollt kinderlos
Unerfüllter Kinderwunsch © picture alliance / Bildagentur-o

Wenn Paare sich entschließen, Eltern werden zu wollen, haben sie plötzlich eine Idee, ein Ziel im Kopf, das ihr gesamtes Leben verändern würde. Doch bei etwa zwei Millionen Paaren in Deutschland bleibt das Ziel unerreichbar. Wenn nach ein bis zwei Jahren regelmäßigem Geschlechtsverkehr keine Schwangerschaft zustande kommt, gelten sie als unfruchtbar. Eine Diagnose, mit der Frau und Mann zurechtkommen müssen.

Ungewollt kinderlos: Mit dem Kinderwunsch abschließen

Eine Klein-Studie aus Großbritannien fand sogar heraus, dass gerade Männer sehr unter dem Umstand leiden, keine Väter werden zu können. Sie fühlten sich häufiger depressiv, einsam – und eifersüchtig auf Paare mit Kindern. Dr. Wischmann hat in seiner Praxis beobachtet, dass Männer zumindest oft anders mit der großen Enttäuschung umgehen als Frauen: Sie kommunizieren ihr Leid weniger, stürzen sich stattdessen vielleicht lieber in ihre Arbeit. Doch gerade in dieser Situation sei Reden und Anteilnahme wichtig, vor allem auch, damit die Frau sich nicht verlassen fühlt.

In seinen Forschungen und im Praxis-Alltag hat Wischmann die Erfahrung gemacht, dass der unerfüllte Kinderwunsch eine gravierende Krise im Leben der Betroffenen auslösen kann: „Sie müssen damit rechnen, dass es der Trauerarbeit bedarf.“ Man müsse akzeptieren lernen, dass da eine Lücke ist – und sich ganz bewusst von der Elternschaft verabschieden. Trauerarbeit, so Wischmann, sie immer verbunden mit Ritualen: Manche Paare pflanzen einen Baum. Andere legen schöne Kieselsteine auf einen Berggipfel – für jedes erhoffte Kind einen.

Seinen Klienten rät er, irgendwann tatsächlich und endgültig mit dem Kinderwunsch abzuschließen. Was schwierig sei, denn man müsse sich von etwas verabschieden, was man gar nicht gekannt hat. Er rät zur Konsequenz: Eben keine weitere künstliche Befruchtung mehr zu versuchen. Und vielleicht sogar ab jetzt zu verhüten. Denn „solange eine auch noch so kleine Chance besteht, bleibt die Hoffnung. Man weiß aber, dass Menschen, die diesen Abschied aktiv angehen, leichter damit zurechtkommen.“

Viele widmen das Projekt „Kinderwunsch“ um – manche Frauen beginnen ein Studium, das sie vielleicht in der Hoffnung auf die Mutterrolle bisher hintangestellt haben. Sie engagieren sich sozial oder politisch. Oder werden Super-Tanten. Alles Projekte, die zwar kein Kind ersetzen können, aber dem Leben Sinn und Fülle geben. Aus Langzeitauswertungen weiß der Heidelberger Psychologe, dass Partnerschaften, die eine solche Krise überstanden haben, stabiler sind als andere. Allerdings warnt er davor, sich völlig auf den Partner zu konzentrieren und so die Partnerschaft zu überfrachten. Jeder solle seine eigenen Ressourcen pflegen, also den Sportkumpel und die beste Freundin. Und darauf hören, was ihm oder ihr guttut. „Es ist sehr wichtig, sich nicht sozial zu isolieren. Solange der Verlust ganz akut ist, darf und muss man seine Gefühle ausleben. Doch irgendwann, wenn die Trauerarbeit vorangeschritten ist, muss man zurück ins Leben. Und auch auf eine Gartenparty gehen, deren Gastgeber gerade wieder ein Kind bekommen haben.“ So weh das auch tun mag.

Die Ursachen der ungewollten Kinderlosigkeit sind nach wie vor nicht völlig erforscht, bei etwa 10 Prozent der betroffenen Paare kann man nach heutigem Wissensstand die Gründe noch nicht benennen. Dennoch sei frühzeitige gute Diagnostik immens wichtig – denn auf den Paaren lastet ein gewisser Zeitdruck. „Eine Schwangerschaft lässt sich zu nahezu hundert Prozent verhüten. Deshalb glauben viele, dass sie nach Absetzen der Pille automatisch schwanger werden. Das stimmt so aber nicht. Bereits mit 25 lässt die Fruchtbarkeit der Frau nach – ab 35 wird es kritisch“, so Wischmann. Eine 38-Jährige haben nur noch halb so viele Chancen, schwanger zu werden wie eine 28-Jährige. Er rät deshalb Mittdreißigerinnen, sich und den Partner bereits nach einem halben Jahr untersuchen zu lassen.

Mit der Diagnose müssen dann beide Partner umgehen lernen. Befruchtungsversuche? Wenn ja, wie viele? Adoption? Oder ein anderer Lebensplan, eben ohne Kinder? Paare, die ungewollt kinderlos bleiben, müssen oft sehr stark sein. Und auch lernen, so manche „lieb“ gemeinte Bemerkung abprallen zu lassen. „Seid doch froh, dass ihr keine Kinder habt, dann habt ihr mehr Freiheit“ mag nett gemeint sein – es bagatellisiert aber einen großen Verlust.

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