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UnFriend-Day: Tschüss Freunde! Für euch ist es Zeit, endgültig zu gehen.

Alle anderen sind im dreistelligen Bereich beliebt

Tschüss Freunde! Für euch ist es jetzt Zeit zu gehen! Denn heute ist Welt-UnFriend-Tag. Wir sind aufgerufen, unseren Facebook-Account zu durchforsten und auszumisten. Als Userin steht man da am Scheideweg: Folgt man dem Aufruf? Immerhin kann man danach stolz posten, dass man sein Magic-Cleaning-Programm auch virtuell durchgezogen hat? Oder lässt man die Freunde-Liste lang und unberührt? Von irgendjemanden müssen ja schließlich die Likes kommen. Und überhaupt: Wie sieht das denn aus, wenn man nur noch 69 Freunde hat und alle anderen im dreistelligen Bereich beliebt sind? 

Auf jeden Fall geht es schneller, virtuelle Freundschaften auszumisten als echte Freundschaften zu pflegen. Zum Löschen braucht es nur ein paar Mausbewegungen: Rauf aufs Profil der Zielperson, den Button „Freunde“ angeklicken, „als FreundIn entfernen“ wählen und fertig. Von Clara, mit der ich vor neun Jahren im selben Spinning-Kurs geschwitzt habe, werde ich nie wieder etwas hören oder lesen. Sie von mir auch nicht. Noch nicht einmal, dass ich unsere Verbindung gekappt habe - die seit Kurs-Ende ohnehin nur noch eine virtuelle war.

Außer natürlich, sie sucht mich ganz gezielt in ihrer Freunde-Liste und merkt, dass mein Profilfoto verschwunden ist. Aber wieso sollte sie das tun? Wir waren uns gegenseitig Leichen im virtuellen Kontaktkeller, persönliche Nachrichten gab es keine und dennoch haben wir uns jahrelang gegenseitig mitgeschleppt und nebenbei erfahren, was wir so treiben oder gut finden.

Und genau das ist das Problem bei den zu vielen und vor allem zu belanglosen „Freundschaften“ auf facebook. Der US-Komiker Jimmy Kimmel hat es vorgerechnet: Wenn jemand 900 „Freunde“ auf facebook hat und jedem dieser Freunde und seinen Postings auch nur 1 Minute in der Woche widmet, frisst das pro Woche 900 Minuten. 15 Stunden also! 

Kollateralschaden einer großen Aktion

Seinen Mitarbeitern sagte Kimmel: „Lasst das sein. Ich zahl euch nicht dafür, dass ihr euren facebook-Account checkt“. Der Nation sagte er: „Lasst uns einen UnFriend-Tag veranstalten“. Seither ruft der Gute einmal im Jahr dazu auf, seine Freundesliste abzuspecken. Und zwar in einer konzertierten Aktion am 17. November. Dann tut´s angeblich dem Einzelnen nicht gar so weh, wenn er rausfliegt. Er war ja nur der Kollateralschaden einer gesellschaftlichen Aktion.

Ein durchschnittlicher facebook-User hat übrigens 342 Freunde. Im Netzwerk, nicht in echt. Laut Kimmels 1-Minute-pro-Woche-Rechnung verbraucht diese Menge an Leuten 5,7 Stunden unserer Lebenszeit. Was könnten wir mit dieser Zeit nicht alles anfangen! Wir könnten uns mit Freunden treffen! Wir könnten ein produktives Hobby pflegen. Wir könnten spazieren gehen und dabei könnte uns zufällig jemand über den Weg laufen, den wir schon ewig nicht mehr gesehen haben! 

Draußen, im echten Leben, da wo man sich erst die Haare durchfrisieren und was Ordentliches anziehen muss, bevor man mit jemanden in Kontakt tritt, schart jede von uns gerade mal 3,3 Freunde um sich. Der Rest der Leute, die man zur Geburtstagsparty einlädt oder mit denen man sich sporadisch abends auf ein Glas Wein trifft, gehören eher in die Kategorie „Bekannte“.

Was für ein wunderbares Stichwort! Anders als häufig kolportiert ist ja auch bei facebook nicht alles, was man kennt, gleich ein Freund. Theoretisch – und auch praktisch – kann man auch dort die Menschen in verschiedene Kategorien einteilen. Für jeden gibt es eine Liste mit ganz eigenen Filterfunktionen. Gute Freunde und die Familie etwa dürfen alles lesen, sind aber vielleicht ganz dankbar,  wenn man sie nicht permanent mit Fotos vom letzten Mädelsabend belästigt.

Daneben: Die Bekannten, die nicht jede Änderung im News Feed mitbekommen müssen und von denen man umgekehrt auch nicht alles wissen will. Übrig bleiben Menschen, mit denen man am liebsten gar nichts teilen würde, die man aber auch nicht löschen darf, weil sie sonst furchtbar beleidigt wären. Für sie gibt es die schöne Kategorie „eingeschränkt“. Der Rest: „Als FreundIn entfernen“.

Kimmel entrümpelt seit drei Jahren seine Kontakte. Wie viele facebook-Freunde er hat? Keine Ahnung, der Herr hat eine strenge Privatspähren-Einstellung. Aber wir unterstellen ihm einfach, dass er recht wenige, aber dafür handverlesene Freunde hat. Denn – um es mit des Komikers gar nicht so lustigen eigenen Worten zu sagen: Sonst „werden unsere Kinder gar nicht mehr wissen, was das Wort „Freund“ eigentlich bedeutet!“

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