Unfall im Kindergarten: Können Eltern der Kindertagesstätte vertrauen?

Tragischer Kita-Unfall in Porta Westfalica

Da kann man sich noch so oft vorbeten, dass es für die Persönlichkeits- und Finanzentwicklung einer Mutter ungemein wichtig ist, wenn sie berufstätig ist. Man kann über die 'Herdprämie' lästern oder sich darüber freuen, dass man einfach mal ungestört beim Friseur sitzen und dann in Ruhe das Wohnzimmerregal abstauben kann. Man kann vieles als Mutter. Nur eines ist verdammt schwer: Die Angst abzuschalten, wenn man sein Kind 'fremden Menschen' anvertraut. Eigentlich ist das sogar unmöglich.

Kindergarten
Unfälle passieren: Zu Hause genauso wie im Kindergarten © BlueOrange Studio - Fotolia

Von Ursula Willimsky

Das fängt schon mit diesem indifferent mulmigen Gefühl an, wenn man morgens erfährt, dass die bevorzugte Erzieherin krank ist und heute die Vormittagsgruppe von der anderen, der mit den fies-hängenden Mundwinkeln, geleitet wird. Will ich der tatsächlich meine Maus anvertrauen? Wird die sich wirklich um sie kümmern und ihr wenigstens ein bisschen von der Zuneigung und Aufmerksamkeit geben, die Kinder in dem Alter halt brauchen? So manche Mutter fährt vermutlich öfter mal mit dem Bauchgefühl zur die Arbeit, dass es besser wäre, die Kinder selbst zu betreuen.

Und manchmal schüren reale Unglücksfälle diese Zweifel noch an. Man liest, dass ein anderthalbjähriger Junge in einem Maurerkübel ertrank, dessen Boden mit wenigen Zentimetern Wasser bedeckt war – die Versuche der Tagesmutter, ihn wiederzubeleben, scheiterten.

Man hört von Kindern, die vermutlich ihr Leben lang von schweren Brandverletzungen gezeichnet sein werden, weil ihr Pulli an der Adventskerze Feuer fing, während eine einzige Erzieherin 20 Kinder beaufsichtigte. Man erfährt in Foren von Kindern, die sich bei einem Sturz alle Vorderzähne ausschlugen, der Kindergarten es aber nicht für nötig hielt, die Eltern sofort zu informieren.

Man liest so viel, man bekommt so viele Gründe, sich Sorgen zu machen! Klar haben all die Tagesmütter und Erzieherinnen die Aufsichtspflicht – doch was würde es mir im Fall der Fälle helfen, wenn ich nachweisen kann, dass sie diese Pflicht vernachlässigt haben? Nichts.

Klar gibt es Betreuungsschlüssel – doch was nutzen die mir in dem Moment, in dem der eine Erzieher Urlaub hat und seine Kollegin krank ist? Nichts. Aktuell fehlen laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung 120.000 Erzieherinnen in Deutschland, da kann man sich als Mutter noch so viele Sorgen machen, an dieser Zahl wird man in den nächsten zwei Wochen nichts ändern können.

Jedes Jahr sterben 180 Kinder durch Unfälle

Dass man lernt, mit diesen Gedanken umzugehen und sie in ihre Schranken zu weisen - vielleicht gehört das ja zu diesem großen, ab und an schmerzhaften Prozess des Erwachsenwerdens (der ja oft erst fühlbar einsetzt, wenn man eigene Kinder hat und plötzlich Herzens-Verantwortung für ein anderes Wesen trägt)?

Wenn das Kind nach einem Tobevormittag auf dem Kita-eigenen Spielplatz rot wie ein Krebs heimkommt, kann man sich einen Termin bei der Leitung geben lassen und darauf pochen, dass in Zukunft Sonnenmilch und Trinkwasser nicht nur in ausreichender Menge zur Verfügung stehen, sondern auch darauf geachtet wird, dass die Kinder auch tatsächlich trinken und eingecremt sind.

Alles andere? Entzieht sich oft der eigenen Macht. Jedes Jahr sterben 180 Kinder durch Unfälle. Sie passieren und sind nicht immer zu vermeiden, so hart das auch klingt und ist. Sie geschehen zu Hause genauso wie in der Kita. Und Hand aufs Herz: Welche Mutter lässt ihr Kind tatsächlich keine Sekunde aus den Augen und sorgt so dafür, dass jeder Unfall jederzeit ausgeschlossen ist?

Ganz davon abgesehen: Was wäre das für eine Kindheit, die überschattet ist von übereifriger Fürsorge, die so gar keinen Raum lässt, auch mal Mist zu bauen und am eigenen Leibe zu spüren, dass unbedachte Handlungen Konsequenzen haben können, die richtig weh tun? Über Schlimmeres als ein aufgeschürftes Knie möchten wir an dieser Stelle gar nicht nachdenken…

Wie viel Fatalismus braucht man, um Mutter sein zu können? Wir fürchten: Eine Menge. Und dazu noch ein Riesenstück Vertrauen. Ins eigene Kind. In die Menschen, denen wir unser Kind anvertrauen. Und in das Leben.

Anzeige