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Unerwünschte Adoptivkinder über Online-Kinder-Börsen verhökert

Unerwünschte Adoptivkinder über Online-Foren weitergereicht

Ein besseres Leben in der Obhut von neuen Eltern, endlich ein kleines Stück Glück – das haben sich Adoptivkinder wie Quita aus Liberia oder Inga aus Russland erträumt. Doch stattdessen sind sie in der Hölle gelandet. Wie die Nachrichtenagentur Reuters aufgedeckt hat, wurden unliebsame Adoptivkinder über Internetforen einfach weitergereicht. An wen sie schließlich geraten, hat über lange Zeit niemand interessiert.

Unerwünschte Adoptivkinder über Online-Kinder-Börsen verhökert
Nicole Eason und Randy Winslow haben einige unerwünschte Adoptivkinder aufgenommen. Der Pädophile Winslow wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Insgesamt 5029 Einträge, die in einem Internet-Forum auf Yahoo gepostet wurden, hat Reuters gesichtet. Im Schnitt wurde im Forum jede Woche ein Kind inseriert. Die meisten waren zwischen sechs und 14 Jahre alt und kamen in Ländern wie Russland, China, Äthiopien oder der Ukraine zur Welt. Das jüngste Kind war zehn Monate alt. Erst nachdem Reuters Yahoo auf das Forum "Adoption-from-Disruption" aufmerksam machte, nahm das Unternehmen diese sowie fünf weitere Gruppen vom Netz.

Besonders schockierend: Die Kinder wurden einfach weitergereicht wie ein Stück Vieh. Niemand hat überprüft, wer die neuen Eltern sind. Gegenüber Reuters behauptet Megan Exon, sie habe für die ungewollten Adoptivkinder ein besseres Zuhause finden wollen. Deshalb habe sie die Gruppe „adoption_disruption“ gegründet. „Wir wollten Menschen zusammenbringen“, sagt die 41-Jährige, die selber ein Kind über ein Online-Forum adoptiert hatte. Erst langsam dämmerte ihr, dass Pädophile das Forum unterwandert hatten.

Wer die neuen Eltern sind, interessiert niemand: ein Paradies für Pädophile

Die Praxis, für unerwünschte Kinder ein neues Zuhause zu finden, wird „Rehoming“ genannt – ein Begriff, der eigentlich für Haustiere benutzt wird. Wie das konkret geschieht, zeichnen die Reutersmitarbeiter im Detail nach.

Ein Beispiel: Die 16-jährige Quita wurde über die Onlinebörse von ihrer Adoptivmutter Melissa Puchalla weitergereicht. Nur zwei Tage nach dem Online-Inserat konnte Melissa bereits eine neue Adoptivmutter für die ungeliebte Tochter finden: Nicole Eason. Quitas Weitergabe wurde einfach über E-Mail geregelt, dem Mädchen ein Foto der neuen Mutter gezeigt. Basta! Hätte Melissa Puchalla sich bei Behörden über die neue Adoptivmutter erkundigt, hätte sie erfahren, dass Nicole Eason beide leiblichen Kinder vom Jugendamt weggenommen wurden.

Und Quita war nicht das einzige Kind, das bei Nicole Eason gelandet ist. Auch der Sohn von Glenna Mueller landete schließlich bei Nicole Eason und ihrem Lebensgefährten Randy Winslow. Sie habe die Wutanfälle ihres Sohnes nicht mehr ertragen können, sagt die siebenfache Adoptivmutter zu Reuters. Nur wenige Stunden nach dem Eintrag im Rehoming-Forum kam es zum Treffen in einem Motel am Highway, zwischen Illinois und Wisconsin – im Niemandsland.

Was Nicole Eason und Randy Winslow für Menschen sind, hat Glenna Mueller nicht interessiert. Hauptsache, das unerwünschte Kind ist so schnell wie möglich weg. Dass der Zehnjährige einem Mann ausgeliefert wird, der über eine ausgeprägte Leidenschaft für kleine Jungen verfügt - egal. Inzwischen wurde Winslow wegen Besitzes und Verbreitung von Kinderpornographie zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Obwohl einige Foren geschlossen wurden, der illegale Handel mit unerwünschten Adoptivkindern geht weiter. Schuld daran ist auch der Staat. Zwar gibt es in den USA für legale Adoptionen Hürden, die so hoch sind wie in Deutschland: Die Eltern werden durchleuchtet, es gibt vor und nach der Adoption Hausbesuche. Um aber ein bereits adoptiertes Kind in die Obhut eines anderen Erwachsenen zu übergeben, genügt ein notariell beglaubigtes Schreiben. Dann ist das Kind ausgeliefert - im Guten wie im Bösen.

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