Unboxing und Haul: Warum Auspacken ein Netzhit ist

Unboxing und Haul
Bei diesem Trend wird ausgepackt!

'Ich zeig' dir, was ich gekauft habe!'

Kürzlich zeigte mir eine Bekannte ein Foto ihres Mannes, kurz nachdem sie ihm das ultimative Geburtstagsgeschenk gemacht hatte: Einen Grill. Anders als erwartet, herzt der Mann allerdings nicht die Schenkende, sondern er schmust mit der Originalverpackung des Grills. Womit wir direkt bei einem Trend sind, der im Internet Hundertausende von Anhängern hat: 'Unboxing'. Männer filmen sich dabei, wie sie die Originalverpackungen von technischen Geräten öffnen. Aber Achtung! Jetzt nicht gehässig denken: "Naja, das zeigt mal wieder, wie stumpf Männer sind". Denn in Zeiten der Geschlechtergerechtigkeit gibt es diesen Trend natürlich auch bei Frauen. Nur heißt er da 'Haul'(übersetzt: Beute), sieht ein bisschen anders aus und ist noch beliebter. Während die Männer anscheinend bevorzugt im Internet bestellen, scheint es beim Hauling eher darum zu gehen, vor laufender Kamera Einkaufstüten auszupacken und seinen Fans zu präsentieren, was man im Drogeriemarkt oder bei der Bekleidungskette so alles gekauft hat.

Von Ursula Willimsky

Sehen wir uns zum Beispiel jenen deutschen Haul an, den vor uns schon 83.718 andere User gesehen haben. Eine Studentin präsentiert unter dem Motto "back to school", was sie sich im August zugelegt hat. Eine Strickjacke zum Beispiel, ein weißes T-Shirt mit V-Ausschnitt, nach 6 Minuten 22 Sekunden lernen wir ein Top "in einem ganz, ganz schönen Blauton" kennen und erfahren, dass es 20 Euro gekostet hat. Bei 8 Minuten 51 sehen wir ein geringeltes T-Shirt mit Blüten am Saum für 15 Dollar. Diesmal aus einer Online-Bestellung. Bei 10 Minuten 10 gibt es einen Pulli. Wir können leider aus Platzgründen nur einige der vorgestellten Produkte nennen, in den 'Hauls' selbst ist mehr Zeit, weshalb sie gerne ganz lange dauern. Im konkreten Fall handelt es sich sogar schon um Teil zwei der "back to school"-Reihe.

Auf allen möglichen Video-Kanälen halten Mädchen und Frauen pralle Einkaufstüten in die Kamera. Mal wird gezielt in dem einen Drogeriemarkt eingekauft, mal in dem anderen. Das ganze oft erstaunlich professionell aufbereitet – und voll an den Interessen der Fans orientiert. Die dürfen mitunter sogar aktiv an den Inhalten mitarbeiten: "Ich hatte Euch auf Instagram ja gefragt, was Euch interessiert" – und jetzt dürfen deshalb alle sehen, "was ich an Beauty-Sachen gekauft habe". Auf diese Weise erfährt man, dass Mädchen X sich endlich anständige Kosmetik-Pinsel angeschafft hat ("ein paar von Euch haben ja bemängelt, dass ich keine richtigen Pinsel verwende") und man wird Zeugin von Enttäuschungen – sprich Fehlkäufen: "Diese Augenbrauenfarbe ist einfach zu hell für mich!"

Mit wahren Gefühlen warten aber auch die Männer auf. Sehr beliebt scheinen hier das Themenfeld "technische Geräte" zu sein. Aber auch spannende Dinge wie Fußball-Sammelbilder haben durchaus ihre Daseinsberechtigung und Fangemeinde. Wer will, kann wie 12.656 andere auch beobachten, wie ein Mann WM-Bildchen auspackt. Man braucht nur ein bisschen Geduld, denn erstmal werden 4 Minuten 28 Sekunden lang die dazugehörigen Alben vorgestellt. Und erst danach das erste Tütchen geöffnet. Nicht nur an Weinachten ist die Vorfreude eben die schönste Freude.

Die Freude am Auspacken und Zeigen

Und diese Vorfreude will zelebriert werden! Ganz hibbelig vor Aufregung begleiten wir einen Mann, der bei sehr emotionaler Musik durch die Gegend fährt. Also, ihn selbst beobachten wir nicht, wir sitzen quasi auf seinem Beifahrer-Sitz. Die Musik steigert sich – und da ist er, der erste Höhepunkt dieses Unboxing-Films: Die Abholstation des Paketservices! Wer glaubt, dass sich die Spannung nicht mehr steigern lässt, irrt: Denn jetzt sehen wir ihn – den Karton. Daheim auf einer Drehscheibe präsentiert. "Das ist eine Standard-Verpackung, aber ganz so Standard ist sie nicht: hier oben seht ihr auf dem Karton die Lasche, die ganz einfach zu öffnen ist." Auch dass das Gerät im Karton noch einmal in einer Tüte steckt und mit Styropor geschützt wurde, bleibt nicht unerwähnt. Das Ganze auf eine Art und Weise inszeniert und mit Musik untermalt, die jeden Aufmarsch der Kämpfer bei einer Boxweltmeisterschaft wie eine ultralasche Pflichtveranstaltung aussehen lässt.

All die Haul- und Unboxing-Videos haben eines gemeinsam: Die Freude am Zeigen – auch wenn sie sich offenbar geschlechtsabhängig anders äußert. Bei den Männern dominiert das Produkt samt der Verpackung. Meist sieht man nur die Hände, wie sie zum Beispiel mit einem Brotmesser die Klebestreifen durchschneiden. Und man hört die kommentierende Stimme ("Wie üblich liegt das Gerät in der Verpackung"). Bei den Mädels – sieht man auch die Mädels. Hübsch zurechtgemacht widmen sie sich ihrem privaten Moderatorinnen-Job, kommentieren die Qualität der Ware ("Die Hose hat einen bequemen Gummizug") und führen auch gerne in Personalunion als Mannequin vor, was sie gerade aus der Einkaufstüte geholt haben.

Nun könnte man voreilig meinen, dass es sich bei alle Haulerinnen und Unboxern um einsame Leute handelt, die keine Freunde haben und deshalb eben auf anderem Wege jemanden suchen müssen, der ihre Freude teilt. Aber wer mehrere der Videos betrachtet, bekommt schnell einen anderen Eindruck: Hier präsentieren sich Menschen, wie sie es eben millionenfach auf den einschlägigen Plattformen machen. Manche tanzen, manche singen, manche packen Creme-Tuben aus. Sie alle generieren sich ihre eigene Bühne und hoffen, Zuschauer und Beachtung zu finden.

Rätselhafter bleibt, weshalb so viele Menschen sich die Videos anschauen. Das Phänomen hält sich ja schon seit Jahren – angeblich startete die Bewegung mit dem Unboxing einer Kreissäge im sagenumwobenen Jahr 1987. 1992 durfte die Welt erstmals online Zeuge eines Auspack-Acts werden. Der Hauptdarsteller: Ein neuer SVHS-Rekorder. Seither hat sich viel getan, inzwischen beschäftigen sich sogar Universitäten mit dem Phänomen, das im Grunde an Spannung kaum zu unterbieten ist.

Ein US-Forscher kam zu dem Schluss, dass die Videos durchaus ihren Sinn haben: Sie seien der stellvertretende Genuss an etwas, das man selbst nicht besitzt. Sprich: man kann mit ihnen auch ohne größeren finanziellen Aufwand am Konsumleben teilhaben. Vielleicht – so eine Spekulation aus deutschen Unis – liegt der Erfolg auch darin, dass bei Haul und Unboxing die Welt noch klar geordnet ist: Die Jungs spielen mit Technik, die Mädchen mit Klamotten und Schminke. Der Reiz der Filmchen – so ein weiterer Erklärungsversuch – könnte aber auch in ihrer ausgesprochen meditativen Wirkung liegen. Wer minutenlang zusieht, wie ein Karton mit Jugendfeuerwerk geöffnet wird, kann gar nicht anders als ganz, ganz ruhig werden…

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