Übergewicht durch Stress: Gestresste Frauen verbrauchen weniger Kalorien

Studien belegen: Stress macht dick!
Psychische Belastungen wirken sich auf unser Gewicht aus. © Alliance - Fotolia, Ihar Ulashchyk

Stress macht dick, besonders am Bauch

Eines ist klar: Wir können nichts dafür. Nicht für die kleinen (oder größeren) Speckröllchen am Bauch, nicht für die Jeans, die offensichtlich beim letzten Waschen auf Hüft- und Schenkelhöhe geschrumpft ist. Und auch nicht dafür, dass wir trotz tipp-topp-bewusster Ernährung ohne nennenswerte Fehltritte ein winziges bisschen mehr geworden sind. Stress macht dick. Kummerspeck und Frustessen haben nun eine solide wissenschaftliche Basis. Und wer will, hat nun vor sich selbst eine solide Rechtfertigung: Es liegt nicht an Schoki, Aperol-Sprizz oder Burgern – es liegt einfach daran, dass ich sowas von gestresst bin!

Von Ursula Willimsky

Dass der Stress im Alltag sich gerne auch mal auf den Hüften niederschlägt, haben wir alle ja schon immer irgendwie geahnt. Und Wissenschaftler haben schon lange beobachtet, dass Stress den Stoffwechsel beeinflusst. Die Ohio State University hat vor kurzem sogar genau nachgemessen. Ihre Testfrauen mussten essen: Putenwurst, Eier, Kekse – klassische schnelle Stress-Zwischendurch-Snacks eben. Exakt 60 Gramm Fett waren in den Nahrungsmitteln enthalten und 930 Kalorien.

Und jetzt kommt das Gemeine, beziehungsweise das Rechtfertigende: Vor und nach dem Essen maßen die Forscher, wie lange es dauerte, bis die einzelnen Frauen Kalorien und Fett verbrannt hatten. Gestresste Frauen hatten nach sieben Stunden im Schnitt 104 Kalorien weniger verarbeitet als die gelasseneren Probandinnen. Auf ein Jahr hochgerechnet ergäbe das ein Plus von fünf Kilo Körpergewicht.

Aber es geht noch gemeiner: An der Universität Wien wurde der Mechanismus entschlüsselt, der bei stressbedingtem Übergewicht regelt, wohin das Fettgewebe im Körper so wandert. Bevorzugte Endstation: Der Bauch.

Bei diesem Vorgang haben Glukokortikoiden, das Glukokorikoid-abhängige Gen LMO3 und das Enzym 11[Beta]HSD1 mächtig ihre Finger mit im Spiel. Wie genau was funktioniert, habe ich offen gestanden nicht verstanden, aber dieser Artikel ist ja vor allem ergebnisorientiert, weshalb als Abschluss des naturwissenschaftlichen Exkurses ein Zitat des Co-Studienleiters genügen soll: „Bauchfett ist nicht nur böses Fett, es wird auch bevorzugt unter Stress gebildet."

Psychische Belastungen fördern Übergewicht

Wie gemein ist das denn? Da ist man gestresst, legt um den Hosenbund rum zu, und dann erfährt man, dass man genau dadurch ein erhöhtes Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ähnliches hat. Und dann soll man nicht gestresst sein! Ja. Genau. Darum geht es. Weniger gestresst sein. Der deutsche Hirnforscher Achim Peters empfiehlt zum Beispiel Anti-Stress-Therapien als „Diät“ gegen Übergewicht. Gewichts-Expertin Susanne Fröhlich hat angeblich mit der entspannenden Kraft des Yoga 20 Kilogramm abgenommen. Und irgendwie scheint es uns auch nicht völlig verkehrt, schon von vorneherein etwas gegen den Stress zu tun: Tempo raus, Druck raus, Sport treiben, Meditieren… das Leben ein bisschen mehr genießen.

All die Studien und persönlichen Erfahrungen (ja, es gibt Leute, die um Urlaub abnehmen. Einfach so. Nur, weil sie im Urlaub sind) deuten darauf hin, dass die Sache mit dem Übergewicht im Kopf entsteht. In irgendwelchen schwer kontrollierbaren Lust- und Frustzentren, die vielleicht ja tatsächlich mit ein bisschen Achtsamkeit und Entschleunigung beeinflusst werden können. Auch wenn es für den Laien nur schwer einschätzbar ist, was mehr auf die Hüften schlägt: Das gestresste Hirn, das nach der kompletten Tüte Gummibärchen schreit oder der gestresste Stoffwechsel, der genau diese Zuckerbombe dann auch noch extrem entschleunigt abbaut. Wahrscheinlich ist es wie so oft ein Mix aus beidem.

Woraus Stress sich im Einzelnen aufbaut, ist ebenso bunt gemischt. Zoff mit den Kindern oder dem Partner. Doppel- und Dreifachbelastungen durch Familie und Beruf. Termindruck oder persönliche Probleme. Finanzielle Sorgen. Oder auch das soziale Umfeld. Das belegt eine Langzeitstudie aus Chicago: Nach dem Zufallsprinzip wurde es einigen Müttern aus sogenannten Problemvierteln ermöglicht, in ein besseres Viertel zu ziehen, wodurch sie teilweise auch bessere Berufschancen hatten. Nach 15 Jahren fühlten sich die Frauen, die umgezogen waren, deutlich wohler als die Kontrollgruppe, bei der sich nichts verändert hatte. Sie waren mit ihrem Leben zufriedener und brachten als Nebeneffekt weniger auf die Waage. Irgendwie scheinen sie an ihrem Leben generell weniger zu tragen zu haben…

Alles also Anzeichen dafür, dass psychische Belastungen welcher Art auch immer sich auch gerne mal beim Gang auf die Waage in Erinnerung bringen. Stress kann dick machen. Diese Erkenntnis kann ein Anstupser sein für die, die mit ihrem Gewicht hadern: Baue ich mir genug Zeit für mich selbst in mein Leben ein? Mute ich mir zu viel zu? Sollte ich was ändern – und mich zum Beispiel jetzt doch regelmäßig zum Walken aufraffen? Sie kann eine nette Ausrede für und vor sich selbst sein. Und sie kann für all diejenigen, denen ihr Gewicht einfach mal schnurz ist und die mit sich selbst vollauf zufrieden sind, ein willkommener Anlass sein, sich ganz entspannt noch ein Viertel Stündchen in die Sonne zu setzen.

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