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Übergewicht durch Hormonmutation: Dreijähriger wiegt über 40 Kilo

Übergewicht bei Kleinkind durch mutiertes Hormon
Der kleine Junge aus Ulm (Symbolbild) hat mit drei Jahren rund 20 Kilo Übergewicht © Alessandro Capuzzo - Fotolia, Alessandro Capuzzo

Mutiertes Hormon ist Schuld an Übergewicht

Über 40 Kilogramm brachte ein kleiner Junge mit drei Jahren auf die Waage, das sind rund 20 Kilo mehr als der Durchschnitt. Freunde warfen den Eltern vor, das Kind zu überfüttern, doch der wahre Grund war ein anderer: Der kleine Junge leidet unter einer seltenen Hormonstörung. Wissenschaftler sprechen sogar davon, eine neue Krankheit entdeckt zu haben.

Kleine Kinder sind unterschiedlich dick und kleine Speckröllchen sind gerade bei Babys und Kleinkindern ganz normal. Doch ein kleiner Junge aus Ulm wiegt schon im Alter von sechs Monaten viel mehr als Jungen in seinem Alter, berichtet der 'Spiegel'. Und er nimmt ständig zu. Als Säugling will er ständig trinken, als Kleinkind interessiert er sich nur fürs Essen und sucht die Wohnung nach Essen ab. Seine Eltern sind verzweifelt. Essen wird hermetisch abgeriegelt, der Kleine wird auf strenge Diät gesetzt, doch nichts hilft. Stattdessen müssen sich die Eltern vor Freunden und Bekannten rechtfertigen, das Kind zu überfüttern und Schuld an seinem Gewicht zu sein. Als der Junge zweieinhalb Jahre alt ist, wiegt er 33,7 Kilogramm, das Durchschnittgewicht liegt in diesem Alter bei rund 13 Kilo.

Da entschließen sich die ratlosen und verzweifelten Eltern, ihren Sohn in der pädiatrischen Abteilung der Universitätsklinik Ulm vorzustellen. Die Forscher beobachten den Jungen bei einem Testfrühstück und untersuchen ihn gründlich. Dabei machen sie eine erstaunliche und medizinisch gesehen unter Umständen bahnbrechende Entdeckung: Das Hormon Lepitin, das normalerweise für das Sättigungsgefühl bei Menschen zuständig ist, war bei dem kleinen Jungen genetisch mutiert. Die Mutation, schreiben die Wissenschaftler der Uniklinik Ulm in einer Publikation im Fachjournal 'New England Journal of Medicine', mache das Leptin des Kindes wirkungslos. Das mutierte Hormon kann nicht an die Rezeptoren im Gehirn andocken und daher auch nicht das Hungergefühl stillen. "Die Entdeckung ist bahnbrechend. Sie zeigt ein Grundprinzip möglicher biologischer Störungen von Signalübertragungsmolekülen im Körper", so Prof. Dr. Klaus-Michael Debatin, Leitender Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums und Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. In ihrer Publikation sprechen die Mediziner sogar von einer "neuen Krankheit", die sie entdeckt haben wollen.

Ob es sich bei der Entdeckung um eine bahnbrechende Entdeckung oder eine "neue Krankheit" handelt, ist dem kleinen Patienten aus Ulm vermutlich egal. Doch er und seine Eltern sind überglücklich, dass die Wissenschaftler für den Jungen eine Therapie parat haben: Nach Einwilligung der Eltern geben sie ihm biotechnologisch hergestelltes Leptin. Und siehe da: bereits nach wenigen Tagen stellt sich der Erfolg ein. Die ausgeprägte Nahrungssuche und der übermäßige Appetit des Kleinen verschwinden vollständig. Im Laufe weniger Wochen nimmt er deutlich an Gewicht ab und sein Stoffwechsel normalisiert sich, wie das Universitätsklinikum Ulm meldet. Besonders für die Eltern, die die ganze Zeit unter Druck standen, ihr Kind zu überfüttern und nicht ausreichend zu kontrollieren, dürfte dies eine riesige Erleichterung gewesen sein.

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