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Überforderte Eltern: Wann sind Strafen sinnvoll?

Nach sieben Tagen im Wald  - Yamato lebt
Nach sieben Tagen im Wald - Yamato lebt Er wurde zur Strafe von seinen Eltern ausgesetzt 00:01:34
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Harte Strafe endet in Tragödie

Weil er fahrende Autos mit Steinen beworfen hatte, wurde ein siebenjähriger Junge von seinen Eltern auf der japanischen Insel Hokkaido zur Strafe in einem einsamen Waldstück ausgesetzt, in dem auch Bären leben. Nach 500 Metern seien sie angeblich zu ihrem Kind zurückgekehrt, gaben die Eltern bei Polizei an, doch der Junge ist seitdem verschwunden. Seit Tagen fehlt jede Spur von ihm. Über hundert Einsatzkräfte suchen das Kind in dem Gebiet, dass als sehr einsam gilt. Der Junge hat weder Essen noch Trinken dabei, und es ist die Frage, wie lang er es dort allein aushält oder ob er überhaupt noch lebt.

Von Merle Wuttke

Mit dieser Folge ihrer "Erziehungsmethode" haben die Eltern bestimmt nicht gerechnet und sind vermutlich jetzt selbst über sich und ihre Maßnahme entsetzt. Sollte ihr Kind tatsächlich verschollen bleiben, werden sie für den Rest ihres Lebens mit dieser fatalen Fehlentscheidung leben müssen.

An ihrem Verhalten zeigt sich aber, wie schnell aus einer eigentlich gewöhnlichen Situation (Kind benimmt sich schlecht, Eltern sind überfordert) eine Tragödie entstehen kann. Denn sicherlich haben die beiden in dem Moment nur so etwas gedacht wie: "Wir lassen ihn kurz allein, dann merkt er, was er getan hat und dann holen wir ihn wieder". Vielleicht waren sie sowieso schon genervt, weil ihr Sohn sich bereits vorher die ganze Zeit über schlecht benommen hatte. Und irgendwann reichte es ihnen und sie zogen die Reißleine.

Allerdings sind ein paar Minuten allein im Wald für einen Siebenjährigen etwas anders als für einen Erwachsenen. Genau das haben diese Eltern bei ihrer Strafe nicht bedacht. Trotzdem: Wer selbst Kinder hat, versteht ansatzweise, warum sie sich so verhielten wie sie es taten. Wie oft erlebt man selbst diese Momente zu Hause: Das Kind macht die ganze Zeit schon Blödsinn, bitten hilft nichts, ermahnen hilft nicht, bis einem irgendwann der Kragen platzt und man zu einer Strafe greift, die völlig überzogen ist angesichts dessen, was das Kind gemacht hat. Ich persönlich merke bereits ein paar Minuten nachdem ich die Strafe ausgesprochen habe, wie blödsinnig sie eigentlich ist. Dann atme durch, schnappe mir das Kind und spreche mit ihm über sein und mein Fehlverhalten. Es ist wie es ist: Eltern sind nicht perfekt, manchmal überfordert und dann treffen sie auch mal Entscheidungen, die sie später bitter bereuen.

Nicht meckern, mehr loben, sagen Experten

Damit das so selten wie möglich passiert, muss man versuchen, die Kinder weniger mit Meckern und Schimpfen, sondern vor allem mit Lob und Anerkennung zu erziehen, raten Erziehungsexperten. Denn Kinder benehmen sich gut, weil sie ihren Eltern gefallen möchten und von ihnen gelobt werden möchten - nicht weil sie Strafen fürchten. Strafen wirken in der Regel sowieso nur, wenn sie möglichst selten ausgesprochen werden und wenn vorab besprochen wurde, wann eine Strafe folgt, etwa bei bei einem Verstoß gegen bestimmte Regeln (nicht allein auf den Balkon gehen o.ä.). Meckert man in Dauerschleife hört das Kind sowieso nicht mehr hin. Was aber tun, wenn einen das Kind derart zur Weißglut bringt, dass man nicht mehr weiter weiß?

Erst einmal: Abstand gewinnen. Dieser Klassiker hilft immer und ist leicht umzusetzen - tief durchatmen, langsam bis zehn zählen, dabei eventuell auch aus dem Raum gehen. Danach ist die erste Wut verraucht und man kann sich der Situation anders nähern. Sich fragen: Was macht mich gerade an dem Verhalten meines Kindes so wütend? Warum verhält es sich so? Wie kann ich die Situation lösen? Das muss dann nicht jedes Mal in einem verständnisvollen Gespräch enden, manchmal hilft es auch dem Kind in seinem Zimmer eine kurze Auszeit zu verordnen, um danach mit ihm ruhig zu sprechen. Und bei einem klaren Regelverstoß darf man auch mal eine (sinnvolle) Strafe aussprechen. Nur sein Kind allein im Wald lassen, das sollte man wirklich nie.

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