Tutow - das ärmste Dorf Deutschlands

Es ist dieser Ort, der laut Statistik der ärmste in ganz Deutschland ist. Denn nirgendwo sonst leben so viele Menschen ohne Arbeit. In Tutow liegt die Arbeitslosenquote seit Jahren bei 70 Prozent Arbeitslosigkeit, das bedeutet zwei von drei Menschen haben hier keinen Job. Eine Situation wegen der vor allem viele junge Menschen Tutow verlassen.

Tutow liegt in Mecklenburg-Vorpommern etwa 2 1/2 Autostunden von Berlin entfernt. Die Siedlung entstand in den 30er Jahren beim Bau eines Flugplatzes. Doch seit der Wende geht es für den Ort bergab. Läden, Arztpraxen und eine Schule mussten schließen, Fabriken wanderten ab. Lediglich eine Tankstelle, ein Supermarkt und ein Lotto-Laden sind den 1.200 Einwohnern geblieben. Hier wo 70 Prozent der Menschen arbeitslos sind, träumen viele vom schnellen, einfachen Geld, so wie auch Udo. Wegen Knochenbeschwerden ist der 55-Jährige seit mehr als 20 Jahren Frührentner. Für ihn noch immer besser als Hartz-IV-Empfänger.

Geld vom Amt bekommt auch Familie Hilgendorf. Seit 26 Jahren sind Frank und Karola verheiratet. Fast genauso lange leben der gelernte Gärtner und die Reinigungskraft schon vom Staat und das obwohl der 50-Jährige verschiedene Arbeitsangebote hatte. Frank Hilgendorf hat sich mit dem Leben wie es ist arrangiert. Seine Situation nimmt er mittlerweile mit einer Art Galgenhumor. Knapp 1.000 Euro haben die Hilgendorfs monatlich für sich und ihre acht Jahre Tochter Laura. Knapp 330 Euro kostet ihre 3-Zimmer-Wohnung.

Für die acht Jahre alte Laura hat das Wort Hartz IV noch keine Bedeutung. Doch die Konsequenzen kennt sie bereits. Einmal die Woche geht Laura gemeinsam mit ihrer Mutter Karola zum Tanzen in die Heimatstube. Gebühren muss hier keines der Kinder zahlen. Renate Bürger-Dröse betreibt den Verein ehrenamtlich.

Renate Bürger-Dröse will den Kindern Hoffnung geben, Hoffnung auf ein besseres Leben ohne Hartz IV. Doch was wollen die Kinder selbst? Was wünschen sich Kinder, wenn sie jeden Tag mit Geldmangel, Resignation und Arbeitslosigkeit konfrontiert werden? Auf Zettel schreibt jedes der Mädchen seinen größten Wunsch. Und es sind sehr bescheidene Wünsche: ein Hund, ein guter Beruf, eine Reise nach Paris, Frieden und Glück und die kleine Laura will eines Tages Polizistin werden… Doch es wird schwer für die Kinder sein, den Teufelskreis der Arbeitslosigkeit zu durchbrechen.

Doch es gibt auch die in Tutow, die sagen wer arbeiten will, der findet auch in der Region einen Job. So wie zum Beispiel Stefanie Sprycha. Die allein erziehende Mutter gehört zu den 30 Prozent der Menschen, die hier arbeiten. Jeden Tag fährt sie ins 30 Kilometer entfernte Greifswald. Als Arzthelferin verdient sie dort 900 Euro Netto - abzüglich Fahrkosten. Für sich und ihren fünf Jahre alten Sohn Ben hofft die 32-jährige, dass sie auch in Zukunft in Tutow bleiben kann. Denn ihre Familie und ihre Freunde leben hier- es ist ihre Heimat. Eine Heimat die es so bald nicht mehr geben könnte.

Allein in den vergangenen zehn Jahren hat Tutow ein Viertel seiner Einwohner verloren. Fragt man die Jugendlichen, die sich in Tutow jeden Abend vor dem einzigen Supermarkt des Ortes treffen, so wird es Tutow bald nicht mehr geben. Sie wollen nach dem Schulabschluss von hier weg, denn schon jetzt ist dieser Ort in ihren Augen tot.

Wer hier bleibt, findet entweder keine Arbeit, oder verdient nur sehr wenig. Das zeigt auch ein Besuch in der einzigen Diskothek im Umkreis, in Daberkow, 6 Kilometer von Tutow entfernt.13 Euro geben die Besucher hier im Durchschnitt pro Abend aus. Die Garderobe ist kostenlos. Alkohol gibt es schon ab 1 Euro 50. Weggehen können die meisten hier trotzdem nur zu Beginn des Monats. Ein Leben ohne Perspektiven, ausgerichtet

auf Hartz IV.

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