Tunesien: Proteste gegen eine Verfassung ohne Frauenrechte

Tunesien: Proteste gegen eine Verfassung ohne Frauenrechte
© picture-alliance/ dpa, epa Mohamed Messara

Frauen in Tunesien wollen keine "Ergänzung" sein

Sie respektieren religiöse Grundsätze, wollen sich davon aber nicht knechten lassen. Über 6.000 Frauen und sogar ein paar Männer haben im Fastenmonat Ramadan bis zum Sonnenuntergang gewartet, wie es sich für Muslime gehört, aber dann gingen sie auf die Straße für etwas, das uns völlig selbstverständlich erscheint: Die Gleichberechtigung der Frau als Verfassungsgrundsatz.

Von Karla Steuckmann

60 Jahre lang galt der nordafrikanische Staat in der arabischen Welt als sicherer Ort im Minenfeld Emanzipation und Islam. Vielleicht wäre ein "oder" hier passender, aber es ist mir zu pauschal. Ich kenne genügend Menschen, denen es gelingt beides miteinander zu vereinbaren. Doch die fallen uns nicht auf. Wir sehen die, die nicht sind wie wir. Und das sind leider die, die nach der Jasminrevolution im Winter 2010/11 nach und nach die Macht in Tunesien an sich gerissen haben: die islamistische Ennahda-Partei, die bis zum Umsturz verboten war.

Sie möchte vor den konservativen Kräften einen Kniefall machen und folgenden Wortlaut in die Verfassung schreiben: "Der Staat garantiert den Schutz der angestammten Frauenrechte unter dem Prinzip der Komplementarität mit dem Mann in der Familie und als Partnerin des Mannes bei der Entwicklung des Heimatlandes."

Das Wort, das die Proteste auslöst, muss man nicht lange suchen; es wird von meinem Textverarbeitungsprogramm als falsch erkannt und rot unterstrichen. "Komplementarität" ist ein linguistisches Ungetüm, ein Worttrojaner, der harmlos aussieht, aber gefährlichen Inhalt birgt, ähnlich wie "Entsorgungspark" oder "Kollateralschaden".

Komplementär meint - grob gesagt - zwei Dinge, die nichts gemeinsam haben, sich aber ergänzen. Im Umkehrschluss könnte man hier wohlwollend das Ying und Yang - Prinzip unterstellen: Nur beide zusammen ergeben ein Ganzes. Wenn das so wäre, hätte man das Wort auch weglassen und bei der uneingeschränkten Gleichstellung bleiben können. Deshalb gehen Kritikerinnen davon aus, dass es als Einschränkung gemeint ist: Frauen dürfen die Rechte in Anspruch nehmen, die ihnen Männer, Väter oder Brüder freiwillig zugestehen und werden nur als Hilfskraft der Herren zur Steigerung des Bruttosozialproduktes benutzt. In diesem Satz hat Word nichts rot unterstrichen, er ist nicht kuschelig in Worthülsen aus Plüsch verpackt. So kann der Verfassungsartikel ausgelegt werden, wenn Islamisten das wollen. Ich sage nicht, dass er das wird, aber er bietet diese Möglichkeit und das treibt die Tunesierinnen zu Recht auf die Straße.

Was können wir da tun? Ehrlich gesagt, nicht viel. Ein Urlaubsboykott mag vielleicht das persönliche Gewissen beruhigen. Allerdings ermöglicht gerade der Tourismus vielen Frauen dort ein eigenes Einkommen und damit mehr Selbstbestimmung. Ob Umbuchen überhaupt eine spürbare Wirkung hat, ist außerdem wenig wahrscheinlich. Wir können nur genau hinsehen, aber bitte nicht von oben herab. Erst 1948 wurde die Gleichheit von Mann und Frau ins deutsche Grundgesetz aufgenommen. Allerdings nur auf dem Papier. Es dauerte von da an noch 9 Jahre bis das Bürgerliche Gesetzbuch entsprechend geändert und das Prinzip des männlichen "Letztentscheids" abgeschafft wurde. Gegen den Willen und die Stimmen der beiden Parteien mit dem "C" wie christlich im Namen.

Auch bei uns war also lange nicht klar, ob das Wort "und" zu Recht Platz nehmen darf zwischen Gleichberechtigung und Religion.

Rolle rückwärts in Tunesien

Wenn das so wäre, hätte man das Wort auch weglassen und bei der uneingeschränkten Gleichstellung bleiben können. Deshalb gehen Kritikerinnen davon aus, dass es als Einschränkung gemeint ist: Frauen dürfen die Rechte in Anspruch nehmen, die ihnen Männer, Väter oder Brüder freiwillig zugestehen und werden nur als Hilfskraft der Herren zur Steigerung des Bruttosozialproduktes benutzt. In diesem Satz hat Word nichts rot unterstrichen, er ist nicht kuschelig in Worthülsen aus Plüsch verpackt. So kann der Verfassungsartikel ausgelegt werden, wenn Islamisten das wollen. Ich sage nicht, dass er das wird, aber er bietet diese Möglichkeit und das treibt die Tunesierinnen zu Recht auf die Straße.

Was können wir da tun? Ehrlich gesagt, nicht viel. Ein Urlaubsboykott mag vielleicht das persönliche Gewissen beruhigen. Allerdings ermöglicht gerade der Tourismus vielen Frauen dort ein eigenes Einkommen und damit mehr Selbstbestimmung. Ob Umbuchen überhaupt eine spürbare Wirkung hat, ist außerdem wenig wahrscheinlich. Wir können nur genau hinsehen, aber bitte nicht von oben herab. Erst 1948 wurde die Gleichheit von Mann und Frau ins deutsche Grundgesetz aufgenommen. Allerdings nur auf dem Papier. Es dauerte von da an noch 9 Jahre bis das Bürgerliche Gesetzbuch entsprechend geändert und das Prinzip des männlichen „Letztentscheids“ abgeschafft wurde. Gegen den Willen und die Stimmen der beiden Parteien mit dem „C“ wie christlich im Namen.

Auch bei uns war also lange nicht klar, ob das Wort „und“ zu Recht Platz nehmen darf zwischen Gleichberechtigung und Religion.

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