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Trennung: Meine Kinder wollen keinen Kontakt zu mir

Trennung: Meine Kinder wollen keinen Kontakt zu mir
Trennung: Mariannes Kinder wollen keinen Kontakt zu ihr © picture-alliance/ dpa, Maxppp Franck Fouquet

Für meine Kinder hielt ich an der Ehe fest

Marianne (45): Oft sitze ich zu Hause, in meiner Wohnung, und denke an meine beiden Töchter. Sie sind jetzt 24 und 19 Jahre alt. Seit ich ihren Vater vor fünf Jahren verlassen habe, habe ich keinen Kontakt mehr zu ihnen. Sie wollen es nicht, und ich respektiere ihre Entscheidung, obwohl es mir natürlich unendlich weh tut.

Von Kerstin Kraska-Lüdecke

Die Entscheidung, die Ehe zu meinem Mann, einem Amerikaner, zu beenden, ist schon vor vielen Jahren gefallen. Nur aus Liebe zu meinen Töchtern habe ich an unserer Familie festgehalten. Schon bald nach der Geburt unserer ersten Tochter Julia kriselte es. Es gab Übergriffe meines Mannes Norman, körperlicher wie auch verbaler Art. Er hatte mir schon zum Anfang unserer Ehe, Julia war gerade zwei Jahre alt, gedroht: Sollte ich ihn jemals verlassen, er würde das Kind mit in seine Heimat nehmen. Ich würde sie nie wiedersehen und er würde dafür sorgen, dass sie auch nie wieder nach mir fragen würde!

Nein, geschlagen hat Norman mich nicht. Aber festgehalten, gegen die Wand gedrückt und gewürgt. Und nicht nur einmal. Er hat blaue Flecken auf meinem Körper und auf meiner Seele hinterlassen. Wie oft hat Norman mich angeschrieen ich solle doch endlich verschwinden, dass mich ja sowieso niemand haben wolle… Sehr oft war ihm alles, was ich getan habe, nicht recht. Irgendwann kam dann der Tag, an dem ich es schließlich auch niemanden mehr recht machen wollte. Schon einige Jahre, bevor ich dann wirklich ausgezogen bin, war ich nahe daran, die Segel zu streichen. Unsere jüngste, Hanna, war damals 12, unsere ältere Tochter Julia war gerade 16 geworden. Sie bekam mit, wie sehr ich mich quälte und sagte damals zu mir: Mama, wenn du bleibst, tue es nicht wegen mir.

Endlich entschloss ich mich zur Trennung

Aber genau das tat ich. Ich liebte meine beiden Kinder, und hielt auch aus Liebe zu ihnen an der Ehe mit Norman fest. Doch unsere häusliche Situation wurde nicht besser. Ich war meinem Mann nicht nur intellektuell überlegen, ich verdiente in meinem Beruf als Chefsekretärin inzwischen auch mehr als er. Als ich nach unserer Trennung eine Therapie machte und dies meiner Psychologin schilderte, sagte sie nur: Unter diesen Bedingungen hätte unsere Ehe nie eine Chance gehabt, zu überdauern.

Kurz nach unserem 15. Hochzeitstag hielt ich es trotz aller guten Vorsätze nicht mehr aus. Ich beschloss ganz allein für mich, dass ich die Ehe beenden würde. Ich müsste nur den richtigen Zeitpunkt abwarten. Und der kam erst einige Jahre später, im Sommer 2006. Damals war Julia 20 Jahre alt und lebte nicht mehr zu Hause. Sie hatte sich eine eigene kleine Wohnung in der Nähe gesucht. Hanna, 15, lebte noch bei meinem Mann und mir. Aus verschiedenen Gründen stand ihr ein Schulwechsel bevor… und diesen nahm ich zum Anlass, um endlich meinen Auszug aus der gemeinsamen Wohnung zu planen.

Schon monatelang hatte ich nach einer gemütlichen Dreizimmerwohnung gesucht, in die ich nach den Sommerferien mit Hanna einziehen wollte. Im Mai 2006 fand ich endlich, was ich suchte, ein Appartement, ganz in der Nähe von Hannas neuer Schule. Ich mietete mich zum 1. Juli ein. Gleich zu Beginn der Ferien fuhr mein Mann mit Hanna in die USA zu seiner Familie. Diese Urlaubs-Wochen nutzte ich, um meinen Umzug zu planen. Ich wollte einfach weg sein, wenn Norman zurückkam… Ich hatte wirklich Angst, dass er mir etwas antut, sollte er von meinen Plänen erfahren. Da ich alles geheim halten musste, konnte ich auch Hanna nichts davon erzählen. Ich hoffte, sie nach meinem Umzug dazu zu bringen, dass sie zu mir zog. Aber es kam alles anders.

Schock: Meine Tochter wollte beim Vater bleiben

Ich packte also meine Sachen, wobei ich penibel darauf achtete, dass ich nichts anrührte, was mein Mann für sich beanspruchen würde. Als mein Umzug gelaufen war, besuchte ich Julia und erklärte ihr in einem langen Gespräch mein Handeln. Sie hatte Verständnis für mich, denn sie hatte ja auch einiges, was zwischen mir und Norman geschehen war, mitbekommen. Ich bat Julia, am Tag der Rückkehr von Norman und Hanna aus den USA zu ihnen zu gehen und ihnen meinen Auszug zu erklären. Ich selbst traute mich nicht, noch einen Fuß in unsere gemeinsame Wohnung zu setzen. Ich habe Julia auch einen Brief an Hanna mitgegeben, in dem ich ihr alles erklärte und sie bat, zu mir zu ziehen. Julia kam meiner Bitte nach und gab Hanna den Brief. Aber der Schock über mein Handeln war wohl dennoch zu groß. Lange Zeit hörte ich nichts von meiner Kleinen. Über meine Eltern erfuhr ich dann, dass beide Mädchen keinen Kontakt mehr zu mir wünschten… Jetzt war ich es, die diesen Schock erst einmal verdauen musste! Damit hatte ich nicht gerechnet!

Mittlerweile sind vier Jahre vergangen, seit ich meine Töchter, Hanna und Julia, zuletzt gesehen habe. Wir waren gemeinsam bei meinen Eltern zum Essen eingeladen, auch Norman war dabei. Irgendwann ging er, und ich war froh, mit meinen Mädchen reden zu können. Aber sie blieben eisig. Hanna hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon entschieden, beim ihrem Vater zu bleiben. Mit Julia telefonierte ich noch eine Weile regelmäßig, dann bat sie mich auch, den Kontakt abzubrechen. Sie sagte: "Wenn Papa rauskriegt, das wir telefonieren, dann gibt's nur Ärger!" Ich war todtraurig, beschloss aber, mich zu fügen. Natürlich hätte ich in einem Sorgerechtsstreit um unsere Jüngste kämpfen können. Aber ich konnte es nicht. Aus Liebe zu meinen Töchtern wollte ich nicht egoistisch an ihnen zerren.

Beide Töchter wollen keinen Kontakt

Julia und Hanna sah ich nun nicht mehr, dafür stand aber Norman eines Tages vor meiner Tür und forderte, dass ich nach Hause zurückkehrte. Als ich ablehnte, kam er regelmäßig wieder, machte mir Szenen und bedrohte mich. Über die Hausverwaltung, von der ich die Mietwohnung hatte, erwirkte ich für Norman ein Hausverbot und teilte ihm dies auch schriftlich mit. Als er nun begann, mich auf der Arbeit zu belästigen, bat ich die Firma, für die ich tätig bin, ihm ebenfalls ein Hausverbot zu erteilen. Nur so konnte ich mich vor seinen Nachstellungen schützen. Ich hatte den Bruch mit ihm gewollt, und es kam für mich nicht in Frage, meine Entscheidung rückgängig zu machen. Es dauerte eine Weile, bis Norman das akzeptierte. Seitdem herrscht Funkstille zwischen uns. Seit zwei Jahren sind wir nun geschieden.

Nach der Trennung und dem Entschluss meiner Töchter, den Kontakt zu mir abzubrechen, fiel ich erst einmal in ein ganz tiefes Loch. Mir ging es saudreckig, und ich bekam Panikattacken. Dazu kam, dass viele sogenannte Freunde mir mein Verhalten übelnahmen. Sie beschimpften mich und meinten, sowas tut eine richtige Mutter nicht, einfach zu gehen, und ihre Kinder zurückzulassen. Sie waren einfach nicht bereit, die Gründe für mein Handeln zu sehen und zu verstehen. Und leider ist es heute immer noch so: Dass Väter ihre Kinder verlassen, wird schon fast als normal akzeptiert. Machen Mütter dasselbe, werden sie gebrandmarkt und geächtet.

Inzwischen habe ich mich mit meinem Los abgefunden. Ich habe eine eineinhalbjährige Verhaltenstherapie hinter mir, und fühle mich langsam besser. Inzwischen habe ich gelernt, den Willen meiner Töchter zu akzeptieren. Natürlich wünsche ich mir nichts mehr, als sie wieder einmal in meine Arme schließen zu können. Aber sie sind noch nicht so weit. Julia lebt immer noch ganz in meiner Nähe, Hanna ist in die USA gegangen, um dort zu studieren. Sie wohnt bei der Familie ihres Vaters, und scheint dort ein neues Zuhause gefunden zu haben. Beide Mädchen haben noch einen engen Kontakt zu ihren Großeltern in Deutschland, meinen Eltern. Über sie erfahre ich regelmäßig, dass sie beiden gesund sind und sich beruflich weiterentwickeln. Meine Mutter erzählte mir, dass die beiden zwar nie nach mir fragen. Aber wenn ihre Oma etwas Neues von mir berichtet, hören Sie aufmerksam zu. Darüber freue ich mich wahnsinnig. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass die beiden sich eines Tages entschließen, mich doch wieder in ihr Leben hineinzulassen.

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