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Trennung: Meine Kinder wollen beim Vater leben

Trennung: Meine Kinder wollen beim Vater leben
Nach der Trennung: Carolines Kinder wollen beim Vater leben © olly, olly - Fotolia.com

Die Trennung von meinen Kindern steht kurz bevor

Caroline (37): Der schwerste Schritt, den ich bisher in meinem Leben machen musste, steht mir noch bevor: In ein paar Wochen werde ich von zu Hause ausziehen.

Von Kerstin Kraska-Lüdecke

Meine beiden Söhne Sebastian (15) und Felix (13) werde ich bei ihrem Vater lassen. Er hat ein großes Haus, mit einem riesigen Garten und einem Swimming-Pool, wo die Kinder sich wohlfühlen. Ich selbst werde erst einmal in eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung ziehen und versuchen, mein Leben neu zu ordnen. Was dann kommt, wird die Zeit zeigen. Wie es mir dabei gehen wird, kann ich auch noch nicht sagen: Die Situation ist zu unwirklich, und ich kann noch gar nicht richtig einschätzen, was da auf mich zukommt.

Ich habe Jürgen, meinen zweiten Mann, bei der Arbeit kennengelernt. Nach meiner Ausbildung als Bankkauffrau begann ich, in einem großen Geldinstitut zu arbeiten. Jürgen war mein Chef, und zwischen uns hat es sofort gefunkt! Zwei Jahre später hatte ich meinen Job an den Nagel gehängt. Ich war nun glückliche Hausfrau und schwanger mit unserem ersten Kind, Sebastian. Gemeinsam hatten wir entschieden, dass ich mich um die Kindererziehung kümmere und Jürgen weiterarbeitet. Sein Gehalt war deutlich höher als meines, denn er war damals ja schon Abteilungsleiter. Zuerst hatten wir überlegt, dass ich in Teilzeit weiter arbeite, aber diesen Gedanken verwarf ich völlig, als ich meinen kleinen Sohn in den Armen hielt: Mutter zu sein hielt ich für das Allergrößte, und konnte mir nicht vorstellen, jemals wieder etwas anderes zu tun!

Mein Mann hatte eine Affäre, ich eine Fehlgeburt

Mein rosaroter Traum vom ewigen Glück hielt aber nicht lange an. Als ich wieder schwanger wurde, war ich einerseits überglücklich, denn nun waren wir eine perfekte Familie, mit Vater, Mutter und zwei Kindern. Allerdings war ich jetzt mehr denn je ans Haus gefesselt. Während ich mit einem Baby noch ganz gut shoppen gehen oder Freunde treffen konnte, wurde dies mit zwei quengelnden Kleinen nun fast unmöglich. Dazu kam, dass ich noch sehr jung war, nämlich Anfang 20. Während meine Freundinnen am Wochenende ausgingen und die Liebhaber wie die Hemden wechselten, saß ich brav zu Hause und wechselte höchstens Windeln. Mein Mann Jürgen machte in der Zwischenzeit bei der Bank Karriere. Er stieg immer weiter auf, bekleidete immer wichtigere Posten, und war immer seltener zu Hause. Währenddessen saß ich alleine mit meinen beiden Kindern da und fühlte mich einsam. Das einzig Gute an der Situation war, dass wir keine Geldsorgen hatten. Jürgen bezahlte mit seinem Gehalt das Haus ab, finanzierte mir eine Putzhilfe und ein Kindermädchen. Eigentlich konnte ich mich also nicht beklagen, es ging mir gut, und ich genoss die Zeit mit meinen Kindern auch sehr.

Als Teenager und junge Frau war ich sehr zurückhaltend und schüchtern, was auch an meinem mangelnden Selbstvertrauen lag. Als ich Jürgen kennenlernte, und dieser attraktive und erfolgreiche Mann mich aussuchte, fühlte ich mich wie eine Königin! Ich hatte den begehrtesten Junggesellen der Bank erobert und ihn geheiratet! Doch jetzt merkte ich, wie mein Selbstbewusstsein wieder in sich zusammensackte wie ein Ballon, aus dem man die Luft herausgelassen hatte. Mir fehlten Zuspruch, Anerkennung und Bestätigung. Ich bekam leichte Depressionen und ließ mich gehen. Anstatt sich nun mehr um mich zu kümmern, nahm mich Jürgen jetzt nicht einmal mehr mit zu seinen zahlreichen Einladungen: Als ich einmal erbittert nachfragte, warum er jetzt immer alleine ging, gab er nur schnippisch zurück, ich wäre gerade nicht in meiner besten Verfassung. Ich wusste natürlich, was er meinte: Ich gab zu dieser Zeit nicht besonders auf mein Äußeres acht und lief manchmal tagelang ungekämmt in alten, ausgeleierten Klamotten herum. Jürgen, der sehr viel Wert auf Äußerlichkeiten legte, konnte sein Missfallen nur schlecht verbergen, wenn er mich sah. Die Gräben zwischen uns wurden immer tiefer.

Dann aber kam das, was ich schon lange befürchtet hatte: Jürgen hatte eine Geliebte! Er hatte die Frau in der Bank kennengelernt und traf sich fast ein halbes Jahr lang mit ihr. Ich versuchte, mit ihm darüber zu reden, aber er bügelte mich ab und meinte nur, ich würde Gespenster sehen. Das "Gespenst" hatte ich tatsächlich gesehen: Sie hieß Iris, war gertenschlank und hatte lange rote Haare. Ein echter Schuss. Ich dagegen hatte nach der Geburt der Kinder einiges Übergewicht, und mein letzter Friseurbesuch lag schon Monate zurück. Der größte Schock war aber für mich: Ich wurde erneut schwanger, zum dritten Mal - und ich verlor das Kind! Von Jürgen bekam ich in dieser schweren Zeit kaum Unterstützung. Wenn ich mit ihm über meine Trauer sprechen wollte, meinte er nur, ich solle doch nicht so übertreiben: Und immerhin hätte ich doch zwei gesunde Kinder! Das gab mir den Rest! Ich machte Jürgen Vorwürfe, er wäre desinteressiert und lieblos. Wir stritten uns, und Jürgen ließ mich - wie so oft - deprimiert und ratlos zurück. Ich war dabei, in Selbstmitleid und Depressionen zu versinken. Doch dann beschloss ich, dass damit jetzt Schluss sein sollte!

Ich wollte mehr sein als Hausfrau und Mutter

Ich vertraute mich einer guten Freundin an, und sie half mir, wieder auf die Beine zu kommen: Sie schleppte mich zum Friseur, zur Kosmetikerin und zum Sport. Ich nahm ab, und begann wieder, mich zu schminken. Nach einer Weile fühlte ich mich schon wohler, weil mir mein eigenes Spiegelbild wieder gefiel. Und jetzt begannen auch andere Männer, auf mich aufmerksam zu werden. Jürgen bemerkte die Veränderung, die ich durchmachte, erst spät, und er schien erleichtert. Er fand, dass ich endlich wieder so werden würde, wie ich früher war: Jung, hübsch und lebenslustig. Aber er hatte Unrecht: Ich war nicht mehr dieselbe. Die Liebe zu meinem Mann die früher mal eine helle Flamme war, glimmte nur noch als kümmerliches Flämmchen.

Da Jürgen es sich im Laufe der Jahre angewöhnt hatte, alleine auszugehen, machte ich das jetzt auch: Zusammen mit meiner besten Freundin Ingrid zog ich los: Ins Kino, ins Restaurant, und auch mal in eine Bar. Inzwischen war ich mit Ingrids Unterstützung aufgeblüht, und ich bekam auch entsprechende Komplimente… leider nicht von meinem eigenen Mann, aber von Fremden, die ich in den Bars traf. Ich genoss die Nettigkeiten und die Komplimente, die ich von Jürgen so lange hatte entbehren müssen. Und es gefiel mir, nicht mehr nur das schüchterne Mauerblümchen zu sein. Mein Tagesablauf war nun zweigeteilt: Tagsüber war ich Hausfrau und Mutter. Ich kümmerte mich um den Haushalt und den Garten, und natürlich um meine Kinder. Ich ging mit ihnen zum Sport und zum Musikunterricht, fuhr sie zu Freunden, bastelte mit ihnen Laternen und Weihnachtsschmuck und lernte mit ihnen für die Schule. Aber abends, wenn Jürgen zu Hause war, verabschiedete ich mich immer häufiger… gemeinsam mit Ingrid genoss ich das Nachtleben der Großstadt.

Meine Kinder entschieden sich für ihren Vater

Und dann traf ich Uli! Er war Architekt und frisch geschieden. Ich verliebte mich sofort und so heftig, dass es mir den Atem verschlug! Uli war mein absoluter Traummann, attraktiv, intelligent und unglaublich charmant! Er überschüttete mich mit Liebe, Aufmerksamkeiten und kleinen Geschenken, und ich war mir sicher: Das ist es! Das ist die große Liebe! Ich kannte ihn etwa drei Monate, als ich es nicht mehr aushielt: Ich wollte nur noch raus aus meinem Leben mit Jürgen, dem Mann, dem gar nicht mehr aufzufallen schien, ob ich zu Hause war oder nicht. An einem ruhigen Abend, an dem meine beiden Jungs bei Freunden übernachteten, beichtete ich ihm, dass ich jemanden kennen gelernt hätte. Noch war ich ratlos, was ich genau tun sollte. Aber jetzt kam plötzlich Leben in Jürgen: Er erklärte mir, er hätte sich das alles lange genug angesehen. Jetzt sei es seiner Meinung nach Zeit für eine Veränderung! Ich war völlig verblüfft, als er mir eröffnete, das Beste wäre, wenn ich ausziehen würde. Er würde mir eine eigene kleine Wohnung bezahlen, denn Geld hatte ich ja überhaupt keines. Nach einigem Hin und Her fanden wir beide, dass dies die beste Lösung wäre: Jetzt konnte sich auch Jürgen neu orientieren, und ich mit Uli ein neues Leben beginnen!

Mir war natürlich zunächst äußerst mulmig, aber ich freundete mich mit dem Gedanken, mich von meinem Mann endgültig zu trennen, bald an. Mir war nur angst und bange zumute, wie wir es den Kindern sagen sollten. An einem Sonntagnachmittag setzten wir uns gemeinsam mit unseren Jungs an einen Tisch und erzählten ihnen von der bevorstehenden Trennung. Die Jungs reagierten überrascht, und auch traurig. Ich beruhigte sie aber und erklärte ihnen, dass ich sie natürlich nach wie vor über alles lieben würde! Aber dass ich mich einfach nicht mehr gut genug mit ihrem Vater verstehen würde. Ich versprach ihnen außerdem, dass wir alle möglichst nahe zusammen wohnen würden. Zum Glück gab es in der Gegend, in der wir lebten, genügend freistehende Wohnungen. Als ich von meiner gerade begonnenen Wohnungssuche erzählte, verkündeten zu meiner Überraschung beide Jungs, sie wollten bei ihrem Vater in dem großen Haus bleiben.

Jetzt war ich natürlich verblüfft, und auch geschockt. Ich fing an zu weinen, und konnte mich gar nicht mehr beruhigen. Aber die Jungs hatten ihren Entschluss gefasst: Umziehen, in eine kleinere Wohnung, ohne Garten und ohne Pool, das kam für sie nicht in Frage. Klar, Jürgen hatte das Geld. Ich besaß nichts. Ich war finanziell völlig von meinem Mann abhängig. Jetzt war der Moment da, an dem ich zum ersten Mal bereute, seit 15 Jahren nicht mehr gearbeitet zu haben. Aber daran war jetzt nichts mehr zu ändern. Ich konnte nur noch versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Ich fasste den Plan, mir so schnell wie möglich einen Job zu suchen, um wenigstens etwas eigenes Geld zu verdienen. Und dann war da ja noch immer Uli, mein Traummann… in ihn setzte ich jetzt meine ganzen Erwartungen!

Doch der nächste Schicksalsschlag ließ nicht lange auf sich warten: Als ich Uli erzählte, dass ich mich von meinem Mann trennen und ausziehen würde, wurde er immer stiller. In den kommenden Wochen zog er sich immer mehr von mir zurück. Schließlich erklärte er mir, dass er, selbst gerade frisch geschieden, noch nicht so schnell bereit für eine neue, feste Bindung wäre. Und er machte Schluss mit mir… Das Loch, in das ich jetzt fiel, war tief. Aber dieses Mal rappelte ich mich schneller wieder auf. Der Auszugstermin rückte immer näher, und es gab so viel zu tun. Ich verdrängte den Gedanken an Uli und meine verpasste Chance und versuchte, nach vorne zu schauen. Im Moment verbringe ich sehr viel Zeit in meinem Zuhause, das bald nicht mehr mein Zuhause sein wird. Ich sortiere Sachen, packe Kisten und bereite meinen Auszug vor. Meine beiden Söhne will ich am liebsten den ganzen Tag um mich haben, denn ich weiß, dass bald alles ganz anders sein wird. Der Gedanke, demnächst alleine in meiner Zwei-Zimmer-Wohnung zu sitzen, macht mir Angst. Meine größte Hoffnung ist es, dass meine Söhne oft zu mir kommen werden, und mich nicht allein lassen. Denn eins weiß ich genau: Einen Neuanfang schaffe ich nur mit ihrer Unterstützung.

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